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Albert Speer Vergangenheitsbewältigung ist keine Floskel

Der AfD-Politiker Gauland hat sich entschieden, die Last der Geschichte als Belastung der Gegenwart aufzufassen – und politisches Kapital daraus zu schlagen. Die Kolumne.

Architekt
Dem verstorbenen Architekten Albert Speer jr. war an der Vergangenheitsbewältigung gelegen. Foto: dpa

Die zu Beginn dieser Woche erschienenen Nachrufe auf den Architekten Albert Speer spülten Erinnerungen an eine Begegnung hervor, wie sie in Frankfurt zur Zeit der Jahrtausendwende nicht gewöhnlich, aber auch nicht unmöglich war.

Der frühere Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz hatte in seine mondäne Villa an der Mörfelder Landstraße geladen – ein Herrenabend. Die Bezeichnung mochte ironisch gewählt sein, aber auf Albert Speer traf sie in besonderer Weise zu.

Albert Speer, der Modernist

Vornehm war er, aber zugleich zugewandt. Vom bloßen Austausch von Floskeln schien er nichts zu halten. Noch in der imponierenden Eingangshalle des neoklassizistischen Gebäudes erfragte der Gastgeber ein Urteil. Und? Wie finden Sie es? Albert Speer druckste nicht lange herum. „Wer’s mag“, sagte er kurz. Sein Geschmack sei es nicht, der Modernist mochte dem Nachbau nichts abgewinnen.

Den stolzen Gastgeber focht das nicht an, das konnte ja ein heiterer Abend werden. Aber es kam ganz anders. Später beim Abendessen, zu dem Rotwein aus dem Gut des US-Filmtycoons Francis Ford Coppola gereicht wurde, nahm Albert Speer Platz neben dem jüdischen Schriftsteller Arno Lustiger, der Bücher im Verlag von Lunkewitz veröffentlicht hatte, insbesondere über den in der Geschichtswissenschaft weitgehend vernachlässigten jüdischen Widerstand zwischen 1933 und 1945.

Vergangenheitsbewältigung ist keine Floskel

Speer und Lustiger waren einander in Frankfurt womöglich schon begegnet; nicht bei dieser, aber bei anderen Gelegenheiten im Hause Lunkewitz war auch Marcel Reich-Ranicki zu Gast. Schon nach wenigen Sekunden waren Lustiger und Speer ins Gespräch vertieft. Als junger Mann sei er, Lustiger, in einem Lager für Zwangsarbeiter eingepfercht gewesen, das Albert Speer, der Vater und Hitlers Baumeister sowie Reichsminister für Kriegswirtschaft, errichtet hatte.

Man spürte in dem Augenblick die historische Last der Begegnung, aber mehr noch die wechselseitige Offenheit und Neugier, in ein Gespräch einzutreten. Man hörte einander zu in einer Atmosphäre des gegenseitigen Wissenwollens.

Speer und Lustiger sprachen über die Speer-Biografie der Gitta Sereny. Albert, der Sohn, er hatte gelesen. Was denn sonst? Es war für den 1934 geborenen Sohn des Architekten, zu dessen Leben es unweigerlich gehörte, zum Tee bei Hitler gewesen zu sein, eine Voraussetzung für die Erlangung eines eigenen Lebens. Und nun saß er Arno Lustiger gegenüber, der um sein Weiterleben ebenfalls hart hatte ringen müssen, wenn auch auf ganz andere Weise.

Atmosphäre des Wissenwollens

Warum jetzt davon erzählen? Zunächst einmal, weil die Begegnung sich ereignet hat. Sie macht deutlich, dass das Wort Vergangenheitsbewältigung nicht einfach nur eine abgegriffene Floskel ist, die für künftige Generationen nicht mehr taugt.

Und dann noch dies: Albert Speer ist Jahrgang 1934, der in der kommenden Woche in den Deutschen Bundestag einziehende Alexander Gauland ist sieben Jahre jünger, Jahrgang 1941. Nicht unwahrscheinlich, dass auch er in seiner Frankfurter Zeit im politischen Gefolge des früheren Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann Bekanntschaft mit Albert Speer gemacht hat.

Aber an einer Atmosphäre des Wissenwollens ist Gauland nicht mehr gelegen. Er hat sich entschieden, die Last der Geschichte als bloße Belastung der Gegenwart aufzufassen – und politisches Kapital daraus zu schlagen.

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