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AfD-Gegendemonstration in Hannover An ein Opfer von Polizeigewalt

Er wollte den AfD-Parteitag blockieren, doch dazu ist es nicht gekommen. Ein Demonstrant wurde von der Polizei so schwer verletzt, dass er notoperiert werden musste. Unsere Kolumnistin hat ihm einen Brief geschrieben.

AfD Parteitag
Der Polizeieinsatz in Hannover wurde scharf kritisiert. Foto: dpa

Lieber Fabio*,

Du warst kürzlich in Hannover, um gegen die rechtsradikale AfD zu demonstrieren. Mit zwei Freunden bist Du zum Kongresscenter gefahren, ihr wolltet den Veranstaltungsort blockieren, die Hetzer am Hetzen hindern, doch dazu ist es nicht gekommen. Ihr seid kaum aus dem Auto gestiegen, hattet Euch in Position gebracht, als Polizeibeamte aus Hamburg auf Euch zustürmten, „sich ohne Vorwarnung“ auf Euch schmissen und „wie die Irren“ auf Euch einschlugen, wie einer Deiner Freunde der taz berichtet.

„Die haben mein Bein gebrochen, mein Bein ist ab!“, sollst Du gerufen haben, nachdem die Polizei auf Dich drauf gesprungen ist. Es habe sie nicht weiter interessiert, sagt Dein Freund, vielmehr hätten sie Dich auf den Gehweg geschleift – das Bein völlig verdreht. Bis der Krankenwagen kam, hat es bestimmt eine halbe Stunde gedauert.  Für Dich muss es eine Ewigkeit gewesen sein, auf dem Boden liegend zwischen offensichtlich aggressiv enthemmten Polizisten, maßlos und fern jeglicher Kontrolle.  Schließlich haben sie Dich notoperiert, beide Unterschenkelknochen Deines Beines sind gebrochen, weil Du gegen radikale Rechte protestieren wolltest.

G20 offenbart Chaos und Staatsversagen

Und dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, dass Eure Blockadeaktion potentiell über ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts gedeckt gewesen wäre. Selbst wenn nicht; welche Voreinstellung dürfte durch jene Polizistenhirne gegeistert sein, die eine solche Verletzung billigend in Kauf nahmen? Kann ich hier schon von Entmenschlichung sprechen? Oder sind die Polizisten aus Hamburg auch nichts anderes als die Opfer einer Politik, die gerade nach G20 – aber eigentlich schon immer, machen wir uns nichts vor – den linken Protest egal gegen wen/was generell als Feind markiert hat, weil es sich mit den Rechten schon immer prima leben ließ? Und die sich um die Arbeitssituation und den Druck ihrer Leute einen feuchten Kehricht schert?

Unbekannterweise habe ich Dich mit Fabio* angesprochen, weil dieser wie kaum ein anderer für ein völlig losgelöstes Chaos steht, indem eine Justiz einen jungen Italiener ohne konkreten Anklagepunkt fünf Monate einsperren kann. Er war bei G20 dabei. Er verabscheut Gewalt, würde aber immer wieder für Freiheit und seine Rechte auf die Straße gehen. Was sagt das über die Zustände hier? Über die Maßstäbe, die angelegt werden, und die möglicherweise dazu führen, dass Menschen in Ausübung ihres Demonstrationsrechts schwer verletzt werden? Und wie war das noch gleich mit der beliebten Gleichsetzung von links und rechts?

Mangel an Empathie entfacht durch die AfD

Laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes gibt es beinahe täglich einen rechts-motivierten Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft. Menschen werden bedroht, doch kaum jemanden scheint es zu interessieren – etwa, weil sie sowieso abgeschoben werden? Woher kommt dieser gnadenlose Mangel an Empathie? Vielleicht primär entfacht von einer AfD, gegen die Du demonstrieren wolltest und weshalb Du im Krankenhaus liegst? Die eine gesellschaftliche Stimmung schafft, und den Hass auf linke Gegenkultur radikal verschärft?

Vor einem Jahr ging ich auch in Gips. War vorher auf einer Demonstration der Berichterstattung wegen, aber irgendwie stand ich dumm im Weg herum und landete mit Fußbruch im Krankenhaus. Man kann es nicht vergleichen, denn ich war nur Kollateralschaden. Dich hingegen haben sie wohl gezielt und deutlich schlimmer verletzt. Daran denken musste ich dennoch, weil die Ohnmacht einem sämtliches Zeitgefühl raubt.

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