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9.November Die Lehre aus der Nacht des Terrors

Vor 77 Jahren zündeten Nazis in ganz Deutschland Synagogen an. Heute sind es Geflüchtete und deren Helfer, die Angriffe fürchten müssen - von der Geschichte lernen heißt, für ihren Schutz zu sorgen. Die Kolumne.

Stolpersteine erinnern an die von Nazis ermordeten Juden. Foto: imago

Es waren deutlich mehr als 99 Luftballons, die sich vor einem Jahr leuchtend in das Firmament erhoben. Am 9. November flog die Mauer einfach davon, und jede Laterne trug Wünsche und Botschaften der Deutschen in den Abendhimmel. Ein bisschen Kitsch muss sein, das gehört einfach zu so einem Jahrestag. Der andere 9. November, der düstere, in Erinnerung an die Pogromnacht 1938, ging letztes Jahr etwas unter. Das kann passieren bei so vielen Luftballons. Doch Jahrestage wiederholen sich ja jährlich, also schauen wir auf jenen 9. November.

Die Beteiligung an den Pegida-Shows hat wieder deutlich zugelegt. Dass die nächste „Montagsdemo“ mit Maueröffnung und Pogrom auf das gleiche Datum fällt, dürfte den Demonstranten gefallen. Galgen und deutsche Fahnen, Volksverräter und Judenpresse, Goebbels und Konzentrationslager – der Schrei nach Befreiung von der Demokratie hat die krumme Idee vom Abendland längst übertönt.

Galgen und deutsche Fahnen

Während der ersten jüdischen Opfer der nahenden Shoah 1938 gedacht wird, klammern sich die „Asylkritiker“ an ihre völkischen Vorstellungen einer Heimat ohne diesen Kosmopolitismus, ohne das lästige Durcheinander von Menschen und Lebensentwürfen. Was für ein mühseliger und aussichtsloser Kampf dieser armen Pegidisten. Sie hoffen auf die Lügenpresse, die deren aggressiven Kleingeist auf die Titelseiten bringt und dass ein gewaltiger Sturm am Ende den ganzen verfluchten Rechtsstaat wegbläst. Doch das wird nicht geschehen. Sie sind auch diesen Montagabend nur ein paar Tausend, die mit den Erinnerungen an den einen wie den anderen 9. November herumspielen.

Um etwas Vergleichbares loszutreten wie 1938 oder 1989 muss schon etwas mehr Substanz her. Deutschland heute ist nicht die marode DDR vor ihrem Kollaps, der am Ende nur ein kleiner Stups zum Zerfall fehlte, Deutschland heute ist auch nicht das Wahngebäude des Nationalsozialismus, dessen Neid, Gier und unfassbarer Hass das heilige Abendland zerstörte.

Wir können jetzt noch herumstreiten, ob es im Osten mehr Rechtsextremismus gibt als im Westen, was statistisch zwar erwiesen, aber wegen erhöhter Beleidigungsgefahr einiger Ostdeutscher nur zögerlich ausgesprochen wird. Wir können überlegen, ob ein NPD-Verbot angesichts von Rechtspopulismus noch Sinn ergibt oder überhaupt je sinnvoll war. Wir können über das Überforderungsgejammer in der Asylfrage diskutieren oder aber handeln, wie es viele Bürger in West und Ost täglich vormachen. Wir können an diesem 9. November gedenken und erinnern oder protestieren und demonstrieren. Es ist großartig, dass auch dieser Tag voll sein wird mit Debatten und Streit.

Doch etwas dürfen wir nicht zulassen: Menschen, die sich in diesen Debatten um Antisemitismus und Rassismus positionieren, brauchen Schutz, wenn sie angegriffen werden. Auch Asylheime dürfen nicht ungeschützt bleiben. Dieser Schutz muss so selbstverständlich sein, wie der eines G7-Treffens. Jeder Angriff muss so geahndet werden wie der auf einen Politiker. Nicht Pegida & Co sind das Problem sondern ein Zurückweichen der Politik, ein Staatsversagen auf Raten, wie wir es im Fall des NSU erlebten. Das zu verhindern, entspräche dem 9. November. Alles andere wirkte nur wie kitschige Luftballons.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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