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Kolumne Zurücktreten!

Der Politiker tut sich generell schwer mit seiner Stilllegung. Das ist die Angst vor funktionaler Obdachlosigkeit.

17.02.2011 15:59
Thomas Reis

Sein und Haben ist ein gewaltiger Unterschied. Mubarak ist zurückgetreten, hat aber nicht. Das wäre bei Guido schwer vorstellbar. Der Satz: Westerwelle ist zurückgetreten, undenkbar; die Behauptung: Westerwelle hat zurückgetreten, ist hingegen belegt.
Sicher, Guido ist noch nicht so lange im Amt wie Mubarak, hat in dieser Zeit aber schon hinlänglich viel versemmelt, nicht so viel wie Seehofer, aber doch genug, um uns, das genervte Volk, von sich zu erlösen. Der arme Guido versteht die Welt nicht mehr, das ist ganz schlecht für einen Außenminister, aber zurücktreten, wozu? Der Politiker im Allgemeinen und Westerwelle im Besonderen tut sich schwer mit seiner Stilllegung. Das ist die Angst vor der funktionalen Obdachlosigkeit, in die ein leerer Terminkalender den Wichtigmenschen zu stürzen vermag.
Denken Sie an Helmut Kohl. Seine ureigene Interpretation des Trägheitsgesetzes hat nicht nur das Verhältnis seines Volkes, sondern auch das seiner Familie zu ihm nachhaltig beeinflusst. Zuerst ging Hannelore, ein Leben im Schatten der Macht. Nun ist auch noch sein Sohn von ihm zurückgetreten, das ist tragisch.
Das Timing für den gelungenen Abgang ist nicht jedem gegeben. Manche hatten es, aber denken Sie an Scharping, Krenz oder Diepgen. Was für ein Gewürge. Die Kunst des Rücktritts? In der Union braucht sie keiner mehr zu beherrschen; denn Merkel entsorgt mittelfristig sehr elegant, was allen auf Dauer lästig wird, denken Sie an: Rüttgers, Stoiber, Oettinger, Althaus und wie sie alle heißen.
Roland Koch, nein, sein Rücktritt hatte was jenseits von Mubarak’scher Freiwilligkeit oder Merkel’scher Herrschaftsräson, sein Rücktritt hatte Stil. Da trat ein Mann, von dem jegliche Demokratie abzutropfen schien, ohne Not zurück, einfach so, keinen Bock mehr, Ende. Darum wünsch ich mir für die arabische Welt und wo auch immer demnächst der Postkolonialismus leise Servus sagt, mehr Koch, ein friedliches: Danke, das war’s.
Sorgen muss man sich weder um Ben Ali noch Mubarak oder sonst einen obskuren Potentaten machen, die haben genug auf der Habenseite ihres Schweizer Kontos und sind nicht auf einen Job bei Bilfinger Berger angewiesen.
Rücktritte? Da wäre auch in Europa noch so mancher angeraten. Was macht so eine erigierte Pappnase wie Berlusconi im Amt? Wann treten die Italiener endlich von ihm zurück? Wie lange nervt uns Geert Wilders, der wahnsinnige Wasserstoff-Arier, noch mit seiner Existenz?
Kann er sich nicht an Horst Köhler ein Vorbild nehmen. Das war ein Abgang, so unaufgeregt und dezent, wie sich der Horst selbst aus seinem Amt jagte, obwohl unsere Verfassung das weder vorsieht noch erlaubt.
Ein Bundespräsident kann nicht zurücktreten, bloß weil er beleidigt ist, der Papst darf das auch nicht, der muss durchhalten bis zur totalen Demenz.
Wozu sollte der Papst auch gehen, ihm folgte doch wieder nur der Papst. Der Papst an sich ist ewig; denn der Vatikan ist ein gewerblich genutzter Raum ohne Volk, und die Wahrscheinlichkeit, dass die Schweizer Garde putscht und die Heilsarmee eine Übergangsregierung bildet, ist eher gering. Aber wer weiß, man hat schon Pferde kotzen sehen, diesmal waren es die vollblütigen Araber.

Thomas Reis ist Kabarettist.

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