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Kolumne zur Pflege Liebe Pfleger!

Frau Lobst und Frau Guido sind alt. Sie werden von Pflegern auf eine Art und Weise betreut, die nicht human ist - ein Erfahrungsbericht.

26.11.2010 16:00
Mely Kiyak

Am Mittwoch dieser Woche sah ich eine Talkshow zum Thema „Wer kann sich gute Pflege noch leisten?“. Da fiel mir meine Nachbarin aus der zweiten Etage ein. Frau Lobst ist dement und wird von der Tagespflegestätte „Silberpappel“ betreut. Ich habe beide Namen geändert. Morgens um sechs Uhr kommt ein Pfleger und zieht Frau Lobst an. Dass es sich bei dieser Tätigkeit um eine Angelegenheit von wenigen Minuten handelt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Das Anziehen ist jeden Morgen von viel Geschrei und Getöse begleitet. Da kann aber der Pfleger sicher nichts dafür. Frau Lobst war auch schon zu weniger dementen Zeiten ein eher, sagen wir, robuster Typus. Wenn Frau Lobst angezogen ist, kommt der Fahrer und holt sie an der Tür ab. Jede Stufe wird gezählt. Frau Lobst: „Eins?“, Pfleger: „Richtig, eins.“ „Zwei?“, Pfleger: „Richtig zwei. Aber auch das Laufen nicht vergessen, Frau Lobst.“ „Wie bitte?“ „Laufen!“ Frau Lobst: „Nein, ich will nicht.“ Gerangel, Gezeter. „Fünf?“ „Nein, erst drei!“ „Wie bitte?“ „Laufen!“ „Ich will nicht mehr.“ Wie eine bockige Diva lässt sie sich ins Auto zerren.

Um 16 Uhr wird Frau Lobst nach Hause gebracht. Jede Stufe wird gezählt. Zwei Stunden später kommt ein Pfleger, und, ich weiß jetzt nicht, wie ich das richtig formulieren soll, zwei Stunden später kommt jedenfalls ein Pfleger und schläfert Frau Lobst ein, schließt die Tür ab und kommt erst am nächsten Morgen wieder, um sie wieder aufzuschläfern. Zwischen 18 Uhr und morgens 6 Uhr bekommt Frau Lobst weder zu essen noch zu trinken, sondern lediglich ein Medikament, das sie in eine Art künstliches Koma versetzt, so erklärte es mir der Pfleger. Das geht seit Jahren so und wird so lange weitergehen, bis Frau Lobst stirbt. An Dienstagen kommt Frau Lobst schon um 14 Uhr nach Hause, sonntags und an Feiertagen wird sie wohl durchgängig eingeschläfert und eingesperrt.

Frau Lobst ist an dem Tag komplett unzurechnungsfähig geworden, als ihre Nachbarin Frau Guido nicht mehr dort wohnte. Die beiden trafen sich 50 Jahre lang um Punkt 19 Uhr auf dem Flur und schwatzten ein paar Minuten lang.

Frau Guido hatte nie so viel Glück wie Frau Lobst. Sie kokelte und verfaulte so vor sich hin. Zum Schluss holten wir fast wöchentlich die Feuerwehr, um sie aus ihrem Küchenfenster heraus zu befreien. Sie ließ den Gasherd brennen, sie fiel um, sie hörte auf zu essen, sie kam für eine Nacht ins Krankenhaus und am nächsten Tag wieder nach Hause. Fiel wieder um, ließ den Gasherd mit Wasserkessel und Topflappen drauf brennen, wir brachen die Tür ein, holten die Feuerwehr, immer wieder, und erst als wir Nachbarn dem Pflegedienst drohten, sie anzuzeigen, holten die einen Arzt, der einen Richter benachrichtigte, und sie kam in ein Krankenhaus für die Dauer, bis ihre Blessuren verheilt waren, und starb, bevor der Pflegeapparat losgehen konnte. Ein Glück?

Ehrlich, ich habe zu wenig Ahnung über unser staatliches Pflegesystem. Ich wollte bloß erzählen, was ich erlebe. Doch mir scheint, die Pfleger sind Teil eines Systems, das sich Produktionsabläufe für Menschen ausgedacht hat, die der menschlichen Natur widersprechen und dem Humanismus ohnehin. Vielleicht irre ich auch, aber ich höre Pflegekräfte immer gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestieren.

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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