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Kolumne zur Anwerbung von Gastarbeitern Werdet erwachsen!

Vor 50 Jahren begann das Anwerben türkischer Arbeiter. Das Potenzial von deren Kindern ist besser zu nutzen.

18.10.2011 18:07
Zafer Senocak

Jahrestage öden mich in der Regel an. Sie kommen wie aus dem Nichts und verschwinden ins Nichts. In diesem Monat jährt sich das Abkommen zur Anwerbung von Gastarbeitern aus der Türkei zum fünfzigsten Mal. Eine Flut von Veranstaltungen und Feiern stehen auf dem Programm verschiedenster Institutionen. Viele Sonntagsreden werden gehalten.

Abkommen und Anwerbung sind Begriffe aus dem Wörterbuch der Bürokratie. Doch welche Emotionen verbinden sich mit ihnen? Spielen wir ein wenig mit ihnen. Im Abkommen steckt das Kommen. Passend zum Prozess der Emigration. Seit 1961 kamen mehr als fünf Millionen Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Nicht alle blieben, das Kommen schließt ja das Wieder-Gehen nicht aus. Das Gehen passt gut zum Gastarbeiter: So sicher wie ihr Kommen ist das Gehen von Gästen. Was aber passiert mit Gästen, die bleiben? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Bürokratien erfinden oft Begriffe, die am realen Leben scheitern. Das liegt daran, dass diese Begriffe das Leben der Menschen weder erfassen noch mitteilen können. Sie sind Stützen eines Denkgebäudes, das auch ohne Menschen auskommt. Da Gäste in der Regel nicht arbeiten, war der Begriff Gastarbeiter eine Konstruktion, die früher oder später zerfallen musste.

Wie aber verhält es sich mit der Anwerbung? Steckt in diesem Begriff nicht auch viel Emotion? Ich stelle mir einen Dorfplatz vor, auf dem sich die Jugend trifft. Mädchen und Jungen werben umeinander, Hochzeitspläne werden geschmiedet und wieder verworfen. Der Anwerber und die Umworbene, dieses klassische Paar der Liebesliteratur, tauchen in meiner Fantasie auf. Ist nicht jede Einwanderungsgeschichte auch eine Beziehungsgeschichte, mit all ihren traurigen und glücklichen Facetten?

Wer wie ich in den Siebzigerjahren als Kind in Deutschland aufwuchs, insbesondere in der deutschen Provinz, hatte vielleicht eine Chance, im Stillen davon zu träumen, in ein Liebesverhältnis hineinzuwachsen. Meine Provinz war München. Schütteln Sie nicht den Kopf. Ich habe jenes München als einen Ort im Gedächtnis, der mich reichlich beschenkte. Die Geschenke bleiben mein Geheimnis. Was aber ist von dieser Anwerbung übriggeblieben? Manchmal komme ich mir vor wie das Kind in einer zerrütteten Beziehung. Eines, das selber fünfzig Jahre auf dem Buckel hat, von dem sich die Eltern aber immer noch nicht trennen wollen, weil es ihnen nicht gelang, rechtzeitig auseinanderzugehen.

Die Kinder sind die Leidtragenden jeder Trennung. Was aber passiert, wenn die Eltern gar nicht in der Lage waren, sich zu trennen? Dann wird das Kind, wenn es groß geworden ist, zum Höllenwärter der Ehe. Es wird sich rächen. Denn es wurde missbraucht, als Zeuge eines Zerwürfnisses, als Belastungszeuge in jedem Streitfall.

Solche Streitfälle gibt es in der alltäglichen Ehehölle viele. Sie gipfeln in Vorwürfen und Vorhaltungen. Nein, die türkischen Bauern haben der deutschen Mittelschicht bislang nicht viele Kinder geschenkt. Kann man ihnen das vorwerfen? Das Anwerbeabkommen war kein Familienbuch. In der Öffentlichkeit wird den Türkenkindern das Image von Problemkindern verpasst. Dabei haben die Rührigen und Findigen unter ihnen großes Potenzial, das sich nicht nur auf zwei Länder, Sprachen und Kulturen beschränkt. Da gibt es nur eins: Löst euch von euren Vätern und Müttern, werdet erwachsen!

Zafer Senocak ist Schriftsteller.

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