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Kolumne zu Vertippern Gute und böse Väter

Regierungssprechers Seibert, der Sender Fox und Spiegel Online - alle haben mindestens einmal Obama mit Osama verwechselt. Diese Vertipper sind Freud’sche Fehlleistungen. Aber was ist ihr tieferer Sinn?

05.05.2011 17:38
Von Stephan Grünewald
Stephan Grünewald

Der Regierungssprechers Steffen Seibert steht mit seinem Vertipper, dass Obama für den Tod Tausender Unschuldiger verantwortlich sei, nicht allein. Der Sender Fox sendete Montag: Obama bin Laden tot. Und Spiegel Online meldete die Seebestattung Obamas.

In vielen Kommentaren wurden diese Vertipper zwar als Freud’sche Fehlleistung bezeichnet, ohne dabei aber ihren tieferen Sinn zu beleuchten. Denn Fehlleistungen sind nach Freud kein bloßer Lapsus. Sie sind Ausdruck eines seelischen Ambivalenzkonflikts und bergen einen geheimen Sinn. Wenn beispielsweise ein Redner davon spricht, etwas sei „zum Vorschwein gekommen“, dann artikuliert sich darin sein – aus Gründen der Höflichkeit – unterdrückter Wunsch, eine riesengroße Schweinerei öffentlich anzuprangern. Die verdrängte Schimpf-Tendenz findet durch die Hintertür ihren Ausdruck.

Die häufigen Fehlleistungen in Sachen Obama – Osama verweisen darauf, dass auch mit der Tötung Osamas ein seelischer Ambivalenzkonflikt verbunden zu sein scheint. Einerseits artikuliert sich in den öffentlichen Reaktionen auf die Tötung eine erleichterte Freude der Menschen, die man ähnlich vielleicht als Kind erlebte, wenn der Kasperle endlich das Krokodil erledigt hatte.

Allerdings scheint Osama in der öffentlichen Wahrnehmung Seiten zu haben, die gar nicht in das fiese Krokodilsbild passen. In einer Untersuchung des rheingold-Instituts wurde Osama wegen seiner „sanften Augen“ und seines „irgendwie an Jesus erinnernden Aussehens“ als Kippfigur zwischen irregeleiteten Heiligen und verblendeten Terroristen erlebt. Sein Charisma und die Verehrung durch seine Anhänger machten ihn zu einer dämonischen Vaterfigur. Die begangene Vatertötung wenige Tage nach Ostern durch Obama hat so eine andere seelische Dimension als Kasperles Krokodilstötung, die unseren uneingeschränkten Beifall erhalten hatte. Daher war es in der medialen Dramaturgie am Montag auch so wichtig, immer wieder die fiesen und bestrafenswerten Taten des bösen Vaters Osama in den Blick zu rücken: den Angriff auf das World Trade Center.

Bei der Wahrnehmung Obamas verhält es sich umgekehrt. Er galt als der gute Vater mit einem verheißungsvollen Erlöser-Image. Er fungierte nach seiner Wahl als Hoffnungsträger für eine bessere und menschenwürdigere Welt. Mit dem gezielten Tötungsbefehl ist auch dieses Hoffnungs-Bild von einem besseren Vater gestorben. Obama rückt jetzt in eine alttestamentarische Rolle, in der der Vater als Rachegott erscheint und ein Auge um Auge predigt. Bezeichnend daher auch die Besorgnis, die vor allem von den heiligen Vätern Deutschlands – Papst Benedikt und Helmut Schmidt – im Hinblick auf den Mord und den damit einhergehenden Verstoß gegen das Völkerrecht geäußert wurde.

Die Fehlleistung Obama – Osama bringt also verdichtet zum Ausdruck, dass wir die Welt heute nicht sauber aufteilen können in die guten oder die bösen Väter. Obama wird nicht mehr nur als Heils-, sondern auch als Todesbringer gesehen werden. Sein „Yes we can“ klingt jetzt nicht mehr nur nach einer verheißungsvoll-optimistischen Beschwörung amerikanischer Tatkraft, sondern als väterlicher Machtanspruch. Welches konkrete Ziel diese Tatkraft verfolgt, erscheint offener denn je.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

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