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Kolumne zu Sarrazin Mottenkiste wäre geschmeichelt

Die Rassenhygiene kehrt in neuem Gewand zurück.Thilo Sarrazin sollte schlauer sein und schweigen, wenn er keine Ahnung hat.

07.10.2010 15:40
Mark Benecke

Jeder Sachverständige lernt, vor Gericht zu schweigen, wenn er oder sie keine Antwort weiß. Herumeiern oder vorauseilende Gefälligkeiten nützen niemandem. Noch sinnloser ist es, private Meinungen zum Kriminalfall durchschimmern lassen. Dann fliegt man raus. Kurz gesagt: Wenn man keine Ahnung hat, wovon man reden würde, wenn man reden würde, hält man halt die Klappe. Nicht jeder begreift dieses simple Gebot. Einer ist Thilo Sarrazin.

Zwar bescheinigte ihm die Zeit bereits, dass seine biologistischen Thesen „knapp an der Lüge vorbei“ gehen. Als Kriminalbiologe möchte ich hier trotzdem die dicke Alarmglocke läuten. Es gab nämlich schon mal eine unselige Vermischung genau dieser Art: das „Programm der Eugenik“.

Ein Blick in Opas liebevoll für die Nachwelt verwahrte Ausgabe von „Mein Kampf“ zeigt neben der Reiseroute auch die möglichen Folgen pseudobiologistischer Konvois. Hitler verschwurbelte ebenfalls politische Annahmen mit biologisch teils richtig Aufgeschnapptem, genauer gesagt den Genetikbüchern der Kollegen Bauer, Fischer und Lenz, die er im Knast las. Anfangs beschrieb er menschliche Schwächen noch durchaus als sozial und gesellschaftlich bedingt, etwa durch saufende Väter und überlastete Mütter. Ein falsches Verständnis von Genetik brach ihm dann – während des Schreibens – inhaltlich das Genick. Das war natürlich nicht nur seine Schuld.

Alle kriminalbiologischen Kollegen hatten damals ihre eigenen Daten umgedeutet. Sie wollten (und sollten) ums Verrecken regionale, rassische oder sonst wie ideologisch verwertbare Besonderheiten der Intelligenz, des Gemeinschaftsgefühls, der Kriminalitäts-Neigung und anderer eigentlich überhaupt nicht messbarer Größen nachweisen. Das gelang ihnen aber nicht. Einer der Forscher nahm sogar – weil seine Statistiken bewiesen, dass es eben keine relevanten Rassen-Besonderheiten gab – die verräterische Tabelle einfach aus seinem eigenen Buch heraus und schrieb sich die Leerstelle passend zurecht.

Es nützt dabei gar nichts, aktuelle Daten zu verwenden, wenn der Denkfehler derselbe bleibt. Sogar der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin musste entnervt erklären, „dass bei Volksgruppen genetische Unterschiede in Bezug auf Intelligenzleistungen nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens nicht zu erwarten sind, weil die Varianz innerhalb der Gruppe die Unterschiede zwischen Gruppen bei weitem übersteigt“.

Sarrazin weiß das; er zitiert es ja so ähnlich. Warum er nicht erkennt, dass damit bewiesen ist, dass kein einziger der angeblich biologischen Gründe für faule, dumme oder schwache Bevölkerungsgruppen existiert, bleibt ein völliges Rätsel. Hitler konnte und wollte den Irrtum – auch mangels korrekter Forschung – nicht sehen. Meine kriminalbiologischen Vorgänger ahnten den Rassen- und Fortpflanzungs-Fehler zwar, kniffen aber den Schwanz ein. Thilo Sarrazin und jeder moderne Mensch müssten schlauer sein.

Warum trete ich hier nach? Weil die angeblich biologischen Nebenbemerkungen Sarrazins eben nicht nur aus der Mottenkiste, sondern auch bis zum Kotzen verdreht sind. Ich schweige vor Gericht sehr oft und gern, weil ich von Juristischem nur Happen kenne, sie aber nicht verstehe. Wenn’s um Biologie geht, sollte Sarrazin es genauso halten. Sonst schafft sich Deutschland wirklich ab – diesmal endgültig.

Mark Benecke ist Forensiker.

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