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Kolumne Wir Krisenverweigerer

Wir stehen am Abgrund. Ach was, an vielen Abgründen. Und bleiben entspannt. So kommt man durch unsicheres Gelände.

15.12.2011 17:05
Matthias Horx
Matthias Horx

Gehören Sie etwa auch zu jener verdächtigen Minderheit, die sich weigert, im Keller Konserven-Vorräte und Pfefferspray für den Ernstfall zu horten? Sind Sie immer noch nicht auf die Bank gerannt und haben überteuertes Gold gekauft? Kochen Sie stattdessen mit Hingabe für Freunde, lesen Bücher über die Zukunft, spielen entspannt mit Ihren Kindern? Kaufen lustvoll Geschenke ein?

„Deutsche ersticken Angst in Kaufwut“, schrieb die deutsche Financial Times unlängst empört – ein paar Tage nach einer zehnseitigen Weltuntergangs-Strecke („Das Ende des Euros – der Niedergang unseres Wohlstands“). Unter dem Titel „Die rätselhaft coolen Deutschen“ monierte der Spiegel: „Dabei ist doch gerade die German Angst so legendär wie sprichwörtlich. Haben die Deutschen nicht immer verzagt bis hysterisch reagiert, sobald irgendwo vermeintliches Unheil drohte?“ Fast 50 Prozent der Deutschen blicken optimistisch ins neue Jahr, trotz des kurz bevorstehenden Welt- und Gelduntergangs!

Warum bleiben wir so entspannt? Ein Grund ist, dass wir verstanden haben, welche Rolle Angstexperten spielen. In Zeiten der Unsicherheit vermehren sie sich rasend schnell. Sie umschwirren jedes Kameralicht und sitzen in jedem Sessel. Angstexperten kapitalisieren eine zugespitzte Meinung, die einfach klingt und unbeschränkt applausfähig ist. Die Banken sind die Pest! Die Griechen werden niemals konkurrenzfähig! Staaten und Politiker sind prinzipiell Schuldenmacher! Das Zinssystem führt in den Abgrund!

Der Nobelpreisträger in Verhaltensökonomie, Daniel Kahnemann, wurde neulich in einem Time-Interview gefragt: „Sollten wir nicht gerade in Krisen den Experten vertrauen?“ Antwort: „Es gibt Bereiche, in denen Expertentum einfach nicht funktioniert. Bei langfristiger politischer Voraussage sind Experten nicht besser als würfelnde Affen.“ Der Psychologe Philip E. Tetlock wertete im Jahre 2005 in seinem Buch „Expert Political Judgment: How Good Is It?“ 28?000 Voraussagen von 284 Koryphäen in Politik, Ökonomie oder Technik aus. Das Ergebnis war desaströs. Gegenüber Laien, die sich auf ihren gesunden Menschenverstand verließen, lagen die Experten dreimal so oft daneben.

Unsere Glücksresistenz beruht auf Erfahrung. Wir haben das Waldsterben überlebt. Den Atomtod. Die steigende Jugendgewalt. Das Ozonloch. SARS, Schweine- und Vogelgrippe, den Krieg der Kulturen, die finale Überfremdung Deutschlands, den Rinderwahn und die Burn-out-Epidemie. Immer saßen die Furchtexperten breit und bräsig auf dem Podium. Was sie sagten, klang klug, war aber nur eng. Experten sind immer Spezialisten des Tunnelblicks, Meister der Reduktion. Die Welt aber – das Leben, die Liebe, die Zukunft, Europa – ist komplex.

Niemand von uns sagt, dass alles gut wird. Das Leben ist, wie es ist. Ab und zu müssen wir uns durch unsicheres Gelände tasten, neue Regeln finden, schmerzhafte Eingeständnisse machen. Die Fähigkeit, dabei Haltung zu bewahren (Stil, Zuversicht, Eleganz, Humor) ist die Essenz von Kultur. Zivilisationen scheitern nicht an Krisen. Sondern wenn Experten-„Wahrheiten“ zu kollektiven Wahngebilden werden. Beste Vorbeuge-Medizin: Bücher über die Zukunft lesen, lustvoll für Freunde kochen, den Fernseher zur Talkshow-Expertenzeit ausschalten. Frohes Fest!

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

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