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Kolumne von Mely Kiyak Liebes „Es reicht“!

Ich kenne keinen „Romaberichterstatter“, der sich ohne Übersetzer mit diesen Leuten unterhalten kann.

04.05.2013 14:44
Mely Kiyak
Ein Junge sucht in einem Lager nahe der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica nach Verwertbarem. Foto: dapd

Die Art, wie Kollegen in Deutschland über „die Roma“ berichten, ist gefährlich und hat das Parkett des seriösen Journalismus verlassen. Die Roma. Damit fängt es schon an. Wer soll das sein? Ich kenne nur bulgarische, rumänische oder ungarische Staatsbürger. Deutsche Omas halten auf Kundgebungen Pappschilder hoch: „Ich wurde von Roma-Kids bestohlen.“ Deutsche Demonstranten reden ungeniert vor der Kamera: „Wir sagen ja nicht, alle Roma sollen vergast werden, wir sagen, so geht es nicht!“

Woher haben unsere Bürger das? Von uns Medienleuten. Wir werden es nie lernen. Reporter marschieren in die Wohnungen der Einwanderer, fotografieren ihre Schlafstätten und kommentieren die Bilder mit Worten wie „Dreck“. Wir hatten Talkshows wie die von Sandra Maischberger im Februar, die so begann: „Die Städte haben Alarm geschlagen, weil immer mehr Armutseinwanderer aus Bulgarien und Rumänien zu uns kommen. Das gefährdet den sozialen Frieden. Hohe Kosten. Kriminalität. Und Probleme beim Zusammenleben vor Ort in den Vierteln. Viele Menschen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Was läuft schief in Deutschland?“

Tja, was läuft schief in Deutschland? Vielleicht, dass jeder im Fernsehen so über Menschen reden darf, die kreuz und quer durch Europa gejagt, stigmatisiert und diskriminiert werden? Unser Innenminister ist ganz besonders schockiert von diesen Menschen. Soziale Hängematte, da hört der Spaß auf, Handeln!

Tatsächlich haben wir es mit Verfolgten zu tun. Die Verfolgung läuft im heutigen Europa exakt so, wie wir sie aus früheren Zeiten kennen. Bestimmten Bevölkerungsgruppen werden die Zugänge in den Arbeitsmarkt, in die Bildungssysteme und ins Gesundheitssystem verweigert. So werden sie Schritt für Schritt ausgegrenzt von den übrigen Bürgern. Erst in der Sprache. In den Medien, durch die Diskurse, in denen man sie fortwährend als Problemgruppe konstruiert. Dann durch Sondergesetze in der Politik. Das nennt man Segregation.

Statt den Fokus auf diejenigen zu lenken, die diese Menschen diskriminieren, schicken wir unsere Fotografen in die Häuser der Entrechteten und filmen in ihre Toiletten hinein. Ich kenne keinen deutschen „Romaberichterstatter“, der sich ohne Übersetzer mit diesen Leuten unterhalten kann. Niemand spricht rumänisch, bulgarisch oder romani, aber alle wissen Bescheid. Wieso sitzen in diesen Sendungen keine bulgarischen Flüchtlinge, die simultan übersetzt werden? Warum funktioniert dieser Journalismus so, dass man sich von irgendwem irgendwas erzählen lässt? Wieso werden die Regeln für einen anständigen Journalismus bei „den Roma“ außer Acht gelassen?

Würden wir so über andere Einwanderer sprechen? „Juden: gefährden den sozialen Frieden. Hohe Kosten. Kriminalität. Was läuft schief in Deutschland?“

Wir sollten aufhören, Menschen so zu behandeln. Sonst läuft es bei uns wie in Ungarn. Da fordern Parlamentspolitiker, Juden künftig zu erfassen, weil sie ein „nationales Sicherheitsrisiko“ darstellen. Das Argument kennen wir aus deutschen Talkshows, da heißt es „Probleme beim Zusammenleben“.

Zeit zu sagen: Es reicht!

Ihre Mely Kiyak

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