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Kolumne Thilo Sarrazin - blamiert haben sich andere

Plötzlich wimmelte es in den Talkshows von Musterbeispielen gelungener Integration, die man dreißig Jahre lang in der Medien-Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekommen hatte. Aber von Ehrenmorden und gekauften Bräuten redet niemand mehr.

13.09.2010 12:49
Peter Schneider
Thilo Sarrazin bei "Hart aber fair". Foto: REUTERS

Plötzlich wimmelte es in den Talkshows von Musterbeispielen gelungener Integration, die man dreißig Jahre lang in der Medien-Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekommen hatte. Aber von Ehrenmorden und gekauften Bräuten redet niemand mehr.

Thilo Sarrazin hat der Demokratie in Deutschland nicht ganz freiwillig einen Dienst erwiesen. Kein Zweifel: Er hat mit seinen manchmal täppisch formulierten Thesen, seinen gewagten Statistiken und gezielten Tabu-Brüchen viel Missverständliches und auch Missverstandenes von sich gegeben, und nicht zu Unrecht wird er dafür geprügelt. Sarrazin gibt ja gern zu, dass er ein schlechter Schüler war; er ist auch im Alter kein Redner geworden, dem man einen Preis in dieser Kunst verleihen würde.

Aber wer sich in der Debatte wirklich blamiert hat, ist nicht Sarrazin. Es ist die Front von Einser-Abiturienten, die in unzähligen Talkshows und Zeitungsartikeln angetreten ist, um Sarrazin den politisch korrekten Besinnungsaufsatz zum Thema „Integration“ einzubläuen. Selten hat man in Deutschland eine so lautstarke und parteiübergreifende Allianz von Wohlmeinenden gesehen – am Montag Beckmann, am Mittwoch Plasberg, am Donnerstag Maybrit Illner –, die sich in seltener Eintracht auf ein paar, zugegeben, überspitzte Formulierungen des Delinquenten stürzten, aber kein Wort zu dem von ihm benannten Missstand sagten: zu der missglückten Integration eines guten Teils muslimischer Einwanderer in Deutschland.

Plötzlich wimmelte es in den Talkshows von gut aussehenden, sprachgewandten Expertinnen mit muslimischem Hintergrund, von Musterbeispielen gelungener Integration, die man dreißig Jahre lang in der Medien-Öffentlichkeit nie zu Gesicht bekommen hatte. Leider fanden sie in ihrer Empörung über Sarrazin nicht die Zeit, auf die Tausende von gekauften Bräuten hinzuweisen, die im Wege der Familienzusammenführung jedes Jahr nach Deutschland gebracht werden und in orthodoxen türkischen und kurdischen Familien in einer Art Gefangenschaft leben. Gerade Berliner Politiker und Medienleute sollten die Chronik der Ehrenmorde kennen, denen muslimische Frauen, die diesem Schicksal entrinnen wollten, in dieser Stadt zum Opfer gefallen sind. Alle, bis hinauf zur Kanzlerin und zum Außenminister, waren derart bemüht, sich vor dem Ketzer Sarrazin zu bekreuzigen, dass das viele Richtige und Notwendige, was er in seinem Buch sagt, nur noch in der Floskel „Natürlich haben wir ein Integrationsproblem, aber so wie Sarrazin…“ verhandelt wurde.

Parallelgesellschaft der Politiker und Meinungsführer

Eine zweite Parallelgesellschaft zeigte sich da, die Parallelgesellschaft der Politiker und Meinungsführer, die ihre Kinder natürlich nicht auf Problemschulen mit 90 Prozent muslimischen Schülern schickt. Zu spät haben sie gemerkt, dass sie Sarrazin mit ihrer hysterischen Reaktion zu einem Volkshelden gemacht und die Kluft zwischen sich und einer Mehrheit, die nicht mehr schweigt, abermals vergrößert haben. Durch Sarrazins Erfolg verschreckt, fordern sie jetzt eine „schonungslose Debatte über Integration“ und beweisen damit erst einmal, dass sie das Thema jahrelang verschlafen hatten.

PS zum „jüdischen Intelligenz-Gen“. Der Begriff bezieht sich auf eine Arbeit von texanischen Professoren über eine auffällige Abweichung im Genpool von aschkenasischen Juden, die möglicherweise sowohl für seltene Krankheiten wie für außergewöhnliche Intelligenzleistungen verantwortlich ist. Die New York Times und andere haben darüber berichtet. Keiner kam auf die Idee, aus der Hypothese der Forscher einen Vorwurf von Rassismus oder gar von faschistischem Gedankengut abzuleiten.

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