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Kolumne Seltsame Freunde

Die Türkei kritisiert Israel scharf, weil das Land die Menschenrechte missachte. Wie aber ist es mit der Hamas in Gaza?

13.09.2011 17:35
Zafer Senocak
Zafer Senocak

Der türkische Ministerpräsident Erdogan ist kein zimperlicher Zeitgenosse. Seit geraumer Zeit hat er sich vorgenommen, seine Sprachmuskulatur an Israel zu stärken. Solange die Türkei insgeheim von den Militärs regiert wurde, blühte das türkisch-israelische Verhältnis auf. Mit der demokratischer gewordenen Türkei aber hat Israel erhebliche Probleme. Eine Demokratie in einem islamischen Land könnte sich als etwas ganz anderes herausstellen, als im Westen, wenn damit nur freie Wahlen gemeint sind.

Die muslimische Welt braucht mehr als Pharaonenstürze. Sie braucht einen Mentalitätswandel. Bürgerrechte können den muslimischen Völkern nicht mehr vorenthalten werden. Doch was machen die Bürger aus diesen Rechten? Wie gehen sie um mit einer Welt, die nicht mit ihrem Glauben und ihren Traditionen korrespondiert? Es ist nicht einfach religiöse Gewissheiten in einer freiheitlichen Gesellschaft auf den Prüfstand zu stellen. In der Türkei gibt es freie Wahlen seit 1950 – doch eine pluralistische, rechtsstaatlich abgesicherte Gesellschaftsordnung ist auch dort erst im Entstehen.

Die türkische Regierung hat ihre Basis im muslimischen Spektrum. Doch das türkische Verständnis von Politik und Gesellschaft stützt sich ohne Zweifel auch auf den seit hundert Jahren laufenden Säkularisierungsprozess. Eine weitere wichtige Stütze der türkischen Modernisierung ist das Liebesverhältnis, das der Islam dort mit der freien Marktwirtschaft eingegangen ist. Der schnelle wirtschaftliche Erfolg verdeckt jedoch auch Widersprüche zwischen traditioneller Moral und westlich dominierter Moderne.

Zweifelsohne regiert Erdogan die Türkei besser und erfolgreicher als alle vorangegangen türkischen Regierungen. Doch der moralische Anspruch seiner Außenpolitik ist sehr hoch, und so verwickelt sie sich oft in Widersprüche. Zu Erdogans Freunden zählt eben auch die Hamas im Gazastreifen. Ginge es ihm wirklich um Menschenrechte, die durch die israelische Blockade verletzt werden, so hätte er eine Reihe von Gründen auch zur Hamas auf Distanz zu gehen. Der Hamas sind Menschenrechte egal. Ihre Devise lautet so viel Scharia wie möglich. Und der Feind sitzt im Westen, Israel ist nur sein Handlanger.

Widersprüchliche Politik der Türkei

Immerhin hat die Hamas dank der Türkei ein Nato-Mitglied als Verbündeten. Eine ähnlich widersprüchliche Politik verfolgte die Türkei gegenüber Iran. Der Widerstand gegen das Mullah-Regime, aber auch die Proteste nach den Präsidentschaftswahlen blieben ohne jedes Echo in der Türkei.

Ein islamisch motivierter Humanismus wäre für die ganze Region von großer Bedeutung. Von der Einbindung der Muslime in eine demokratische Kultur hängt auch ein nachhaltiger Frieden mit Israel ab. Der jüdische Staat hat sich in der letzten Zeit von humanistischen Prinzipien mehr und mehr verabschiedet. Er verfolgt eine ausschließlich auf die eigene militärische Vorherrschaft ausgerichtete Politik. Das ist kontraproduktiv für den Friedensprozess.

Doch wer sich aufmacht, das aggressive Auftreten Israels zu kritisieren, darf nicht die Augen verschließen, wenn Muslime die Menschenrechte mit Füßen treten. Daher wird Erdogan es schwer haben, seine kritische Haltung gegenüber Israel der Welt als eine wertorientierte, auf Menschenrechte ausgerichtete Außenpolitik zu verkaufen.

Zafer Senocak ist Schriftsteller.

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