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Kolumne Sammler im Garten der Wissenschaft

Mit Fußnoten kann man trefflich plagiieren, sich einschleimen oder einen Mangel an originären Thesen kaschieren. Unter deutschen Zeithistorikern sind entsprechende Methoden recht beliebt.

21.02.2011 15:09
Götz Aly

Zurzeit herrscht Streit um die Fußnoten einer Dissertation, die an der Universität Bayreuth unter dem Namen Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg eingereicht und akzeptiert wurde. Manche Journalisten, Internetrechercheure, Oppositionspolitiker und Professoren kreiden dem Namensgeber der fraglichen Doktorarbeit an, er habe eine Reihe von Fremdzitaten nicht in den Fußnoten ausgewiesen. Darin sehen sie Beweise für ein Plagiat. Mittlerweile sollen auf immerhin 70 Prozent der Seiten Hinweise auf geistigen Diebstahl gefunden worden sein.

Doch auch mit Fußnoten lässt sich trefflich plagiieren. Das geht so: Man kritisiere den Kollegen XY, weil er sich auf den Seiten soundso angeblich in der Bewertung der von ihm vorgetragenen Fakten irre oder seine Interpretation weit überziehe – anschließend schreibt der Kritiker sämtliche Fakten bei dem Kritisierten ab und stellt sie unter dem Beifall der wissenschaftlichen Gemeinde in einen leicht verschobenen Kontext.

Diese Methode ist unter deutschen Zeithistorikern recht beliebt. Womöglich nutzt man sie, neben anderen Plagiatstechniken, auch unter Juristen. Neben der Kritik-Abschreibe-Fußnote verfertigen unsichere und zugleich wichtigtuerische Kandidaten gern überflüssige Fußnoten nach dem Motto „Herr Lehrer, ich weiß noch was!“. Ebenso beliebt ist die Einschleim-Fußnote. Darin werden bestimmte für künftige Karrierechancen als wichtig erachtete Personen mit Sätzen wie diesen bedacht: „Wie der renommierte XY in seiner bahnbrechenden Arbeit zeigen konnte…“ oder „grundlegend dazu die überragende Studie von XY…“. Ob Guttenberg auch zu solchen Mittel griff oder greifen ließ, wäre zu untersuchen.

Die Fußnote als solche ist unschuldig, aber kein Selbstzweck. Sie dient dem Quellennachweis. Im besten Fall markiert sie, wo und in welchem Rahmen die eigenständig entwickelten Fragen und Thesen des einzelnen Wissenschaftlers beginnen. Die gut begründeten Antworten machen das Gewicht seiner Arbeit aus.

Besonders viele Fußnoten verdecken oft, dass der Autor ohne eigene Fragen im Garten der Wissenschaften herumsammelte. Verdächtigerweise spricht der Bummeldoktorand Guttenberg (sieben Jahre!) immer wieder mit Stolz davon, „seine“ Dissertation enthalte mehr als 1300 Fußnoten.

Die Fußnote als solche entstammt der mittelalterlichen Marginalistik, doch gehört sie in ihrer neuzeitlichen Form zum nationalen Kulturgut der schon immer etwas zwanghaften Deutschen. Für die Geschichtswissenschaft hat sie Leopold von Ranke vor fast 200 Jahren mit der Absicht durchgesetzt, diese, den Naturwissenschaften gleich, zu objektivieren.

Es bedurfte eines amerikanischen Fachkollegen, um das Fußnotentheater zu entzaubern. Anthony Grafton veröffentlichte 1995 das köstliche Buch „Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote“. Darin lesen wir: „Wie die Toilette macht es die Fußnote möglich, sich unansehnlicher Aufgaben quasi im stillen Kämmerlein zu entledigen. Wie die Toilette ist sie vornehm versteckt.“

Doktor von und zu Guttenberg hat die Bedeutung dieses geheimnisvollen Ortes unterschätzt, die Türe einen Spalt zu weit aufgelassen und nicht richtig gezogen.

Götz Aly ist Historiker.

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