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Kolumne Prostitution Prostitution abschaffen?

Nicht immer, wenn Sex gegen Geld getauscht wird, nimmt jemand Schaden. Der Appell der „Emma“ zur Änderung des Prostitutionsgesetzes ist arrogant: Ziel ist nicht nur, das System Prostitution auszurotten und den kriminellen Sumpf trockenzulegen. Ziel ist auch, den Menschen dort zu schützen, wo er nicht geschützt werden will.

Prostituierte in einem Bordell in Berlin. Foto: AFP

Auf den ersten Blick sieht alles ganz richtig aus. „Prostitution abschaffen!“, fordert die Zeitschrift „Emma“ und veröffentlicht einen Appell, den 90 Prominente unterschrieben haben. Sie verlangen, dass die künftige Bundesregierung das Prostitutionsgesetz ändert. Ziel: Kampf gegen Frauenhandel, Hilfe zum Ausstieg aus dem Gewerbe, Aufenthaltsrecht für Zwangsprostituierte, Prävention und Aufklärung. „Maßnahmen, die kurzfristig zur Eindämmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Prostitution führen.“

Jeder halbwegs vernünftige Mensch kann da doch nur nicken. Wer wäre nicht gegen das „System Prostitution“, gegen sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel, gegen alle Formen moderner Sklaverei? Da braucht man sich doch nur einen aktuellen Fall aus Bayern anzuschauen. Vier junge Frauen aus Rumänien, alle unter zwanzig, wurden in einem Dorf bei Neu-Ulm eingekerkert. Geprügelt, mit dem Tode bedroht und zum Anschaffen gezwungen. Drei ihrer Landsmänner hatten sie mit der Loverboy-Masche nach Deutschland gelockt. Jetzt werden die Menschenschinder vor dem Landgericht Memmingen angeklagt.

Um die zehntausend Fälle von Menschenhandel wurden 2010 in der Europäischen Union aufgedeckt, über 650 in Deutschland. Insgesamt waren 15 Prozent Kinder dabei. Wie viele dieser Ausgebeuteten gibt es wohl tatsächlich? Wie sehen wohl die aktuellen Zahlen aus? Denn dass sie gestiegen sind, daran zweifelt niemand. Ungefähr ein Drittel der Opfer wurde zur Prostitution gezwungen. Und es ist ja nicht so, dass dies die Freier unbedingt abschreckt. Als das dänische Gleichstellungsministerium in diesem Sommer eine Umfrage initiierte, fand jeder siebte Däne es völlig in Ordnung, sich Sex bei einer Frau zu kaufen, die von Menschenhändlern versklavt wird.

Will eine Gesellschaft das dulden? Darf sie nicht! Deshalb scheint es so einfach, sich dem „Emma“-Appell anzuschließen. Jeder Politiker, der ihn unterstützt, kann öffentlich garantiert punkten. Erst bei genauerem Hinsehen kommt das Unbehagen. „Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt ‚freiwilligen‘ Prostituierten“, heißt es in dem Aufruf. Ach, wirklich?

Gesellschaft muss Ambivalenzen aushalten

Für die Initiatorinnen der Erklärung ist das „System Prostitution“ demnach gleichbedeutend mit jeder Form von käuflichem Sex. Ziel ist nicht nur, das System auszurotten, den kriminellen Sumpf trockenzulegen und den Menschen vor dem Menschen zu schützen. Ziel ist auch, den Menschen dort zu schützen, wo er nicht geschützt werden will. Und es sich zu Recht verbittet.

Was für eine Arroganz steckt dahinter, jeder Frau, die ihren Körper aus freiem Willen anbietet, diese Freiheit abzusprechen. Welche Vermessenheit, ihr zu unterstellen, sie könne nicht selbstbestimmt entscheiden, weil nur andere den Verblendungszusammenhang erkennen, in dem sie steckt. Jeder Freier mag ein verwerfliches Würstchen sein, aber ist sein Begehren damit immer brutal und kriminell?

Es ist Sache der Politik, dem „System Prostitution“ unbedingt beizukommen. Doch nicht immer, wenn Sex gegen Geld getauscht wird, nimmt einer der Beteiligten Schaden. Es ist Sache der Gesellschaft, derlei Ambivalenzen auszuhalten.

Bascha Mika ist Publizistin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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