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Kolumne Lieber NSU-Ausschuss!

Es wurde eine Patrone gefunden, die auf dem Rückenboden stand. Wie oft kommt es vor, dass eine Patrone steht?

16.06.2012 18:33
Von Mely Kiyak
Fahndungsaufruf mit Bildern der NSU-Terroristen. Foto: dpa

Diese Woche besuchte ich gemeinsam mit einer Politologin und einem Filmemacher den zwölfstündigen Bundestagsuntersuchungsausschuss zur NSU. Irgendwann, es war gegen 22.00 Uhr, die Besuchertribüne war seit Mittag weitgehend leer, nahm die Befragung des Ersten Kriminalhauptkommissars des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern, Jörg Deisting, langsam ein Ende. Deisting leitete die Soko Kormoran, zur Klärung des Mordes an Mehmet Turgut. Turgut ist das, so heutiger Kenntnisstand, fünfte Opfer der Neonazigruppe NSU. Er wurde 2004 in Rostock erschossen, als er den Dönerimbiss seines Bruders Yunus aufschloss. Aufgrund der Tatwaffe war den Ermittlern bald klar, dass es sich um ein Serienopfer der „Dönermorde“ handelte. Hier auszugsweise aus meinen Notizen zur Vernehmung des Sonderermittlers:

Deisting (D): Ich bin seit 28 Jahren im Kriminaldienst. Seit 1998 beim LKA.

Untersuchungsausschuss (UA): In welche Richtung haben Sie ermittelt? D: In alle Richtungen. UA: In der Analyse steht, dass es sich um einen Täter zwischen 18 und 40 Jahren mit Türkenhass handeln könnte, der sich enttäuscht aus der Szene abwendete, weil sie ihm nicht hart genug war. Hatte diese Beschreibung Konsequenzen für Ihre Ermittlungsarbeit? D: Nein. UA: Wieso sagen Sie dann „in alle Richtungen ermittelt“? D: Wir sind davon ausgegangen, dass der Verfassungsschutz uns darauf hingewiesen hätte, wenn da was dran wäre. UA: Sie haben eine Analyse bekommen, in der vom fremdenfeindlichen Motiv die Rede ist. Sie haben Ihr Ermittlungskonzept nicht geändert? D: Es ist ja nicht so, dass, wenn man die Ermittlungen abschließt, man in Gedanken nicht doch noch an die Hinweise denkt.

UA: Sie haben im Landtag eine NPD-Abgeordnete sowie eine aktive rechtsextreme Szene. Haben Sie das Landesamt für Verfassungsschutz zum Thema Rechtsextremismus kontaktiert? D: Der Verfassungsschutz hat gesagt, es liegt das Delikt Rauschgift vor. UA: Kam Ihnen das nicht komisch vor, dass der Verfassungsschutz sich mit Rauschgift beschäftigt? D: Das weiß ich nicht.

UA: Thema Tatwaffe. Wie haben Sie das eingeschätzt? D: Es handelte sich um eine Waffe, mit der man schießen kann – ein ausländisches Modell. UA: Von diesem Modell wurden nur 55 Exemplare hergestellt. D: Das weiß ich nicht. UA: Es wurde in einer Ecke eine Patrone gefunden, die auf dem Rückenboden stand. Wie oft kommt es vor, dass eine Patrone steht und nicht liegt? D: Das weiß ich nicht. UA: Können Sie aufgrund Ihrer Erfahrung – Sie sind an der Waffe ausgebildet– einschätzen, wie oft es vorkommt, dass eine Patrone nach dem Schuss auf dem Rücken steht?

D: Das weiß ich nicht. UA: Ich frage Sie nur nach Ihren Erfahrungen. D: Sie kann liegen, oder stehen. UA: Wurde das Opfer im oder außerhalb des Gebäudes aufgefunden? D: Das weiß ich nicht. UA: Wurde drinnen oder draußen geschossen? D: Drinnen... Das weiß ich nicht. UA: Sie haben das nicht untersucht? D: Nein.

UA: Im Vermerk steht, „die Ermittlungen ruhen“. Was heißt das? D: Das weiß ich nicht. UA: Was heißt „ruhen“? D: Das weiß ich nicht. UA: WAS HEISST BEI IHNEN RUHEN? D: Sicherlich kann man zu dem Wort „ruhen“ auch „einstellen“ sagen.

UA: Haben Sie sich jemals zuvor oder danach mit rechtsextremen Taten befasst? D: Nein.

Ihre Mely Kiyak

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