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Kolumne Liebe Fernsehköche!

Die zwei Gesichter der Fernsehköche: Sie rühmen sich ihrer hochwertigen Gerichte im eigenen Lokal. Und werben für Konserven mit Geschmackstuning. Die FR-Kolumnistin Mely Kiyak wünscht: Guten Appetit!

15.10.2010 20:47
Mely Kiyak

Sterneköchin Cornelia Poletto bietet nicht nur feine Gerichte in ihrem Hamburger Lokal an. Im Poletto Webshop kann man auch erlesene Produkte einkaufen. Kalabrisches Olivenöl, halber Liter knapp 18 Euro. Oder Matcha Wakei. „Wie alle anderen Matchatees leuchtet er tief smaragdgrün und ist daher auch optisch ein Hochgenuss.“ „Wakei“ bedeutet im Japanischen „Harmonie und Respekt“. Da bildet sich schon beim Lesen Süffel auf der Zungenspitze. 30 Gramm kosten 37,50 Euro. Das klingt teuer. Ist es aber nicht, bedenkt man, dass es sich bei der Menge nicht um eine, sondern um zwei Prisen handelt.

Warum war ich auf der Internetseite? Ich wollte bestellen, wofür Poletto Abend für Abend im Fernsehen wirbt. Das sieht immer so appetitlich aus. Im Werbespot verrät sie: „Also – ganz ehrlich? Wenn man den ganzen Tag die raffiniertesten Sachen kocht, genießt man die einfachen Dinge umso mehr.“ Damit meint sie in Plastik eingepackte, rosafarbene Glibbsch-Lappen, fünf Scheiben zu 1,29 Euro. Der Schinken namens „Natürlicher Genuss“ einer großen Fleischfabrik enthält unter anderem auch Diphosphat und Triphosphat. Letzteres braucht man, um aus etwas Trockenem etwas Feuchtes zu machen. „Saftig“ steht dann später auf der Packung, wo eigentlich „nachträglich mit Schleim überzogen“ stehen müsste. Bestellen kann man diese Köstlichkeit in Polettos Genussboutique aber nicht. Gibt’s nur im Supermarkt.

In Martin Baudrexels Münchener Restaurant isst man Thymian-Tagliatelle, Gambas, Erbspüree und andere Exquisitäten. Der Baudrexel verlässt seine Küche nur, um im Fernsehen anderen das Kochen beizubringen. Im Werbespot bewirbt er eine violettfarbene Flasche. Im Clip kocht er aus der dünnflüssigen Zaubercreme ein Gericht namens „köstliches Geschnetzeltes“. Heerscharen von Menschen scharen sich um ihn, kauen, schmatzen und stöhnen „Mmmh, mmmhhh“. Zu Recht! Das Produkt, bestehend aus Kokos- und Palmfett, Zusatzstoffen und viel Wasser taugt allenfalls zur Massenspeisung. Für die Debilität, die es benötigt, um die Kunstsoße zu kaufen, sorgt der Baudrexel mit seinem eigenen Gesicht. Echte Sahne kostet nur die Hälfte. Verdünnt man sie mit Milch, kann man auf den Schummel aus der Lilanuckel verzichten. Den Trick lernt man außerhalb der Werbepause – in Kochshows.

Genussbotschafter und Sternekoch Johann Lafer hat sogar eine „Lafer Selection“ komponiert. Rindfleischfond, Bratenfond. Hochwertig und edel seien die in Schraubgläsern abgefüllten, klassisch gekochten Kostbarkeiten. Es wird betont, „ohne Geschmacksverstärker“. Dreht man das Glas ein wenig, liest man auf der Zutatenliste „Würzmischung mit Soja“. Richtig, Sojawürze ist ein Geschmacksverstärker und wächst nicht auf Biosträuchern. Nicht jede Hausfrau hat Sojawürze im Erlenmeyer-kolben des heimischen Geschmackslabors stehen, weshalb es auch gekauft werden muss. Zwar könnte man die Zusätze auch weglassen, aber dann schmeckt es wie zu Hause und wer will das schon?

Das hemmungslose Werben deutscher Starköche für Kunstnahrung ist ähnlich paradox, als würden Orthopäden für Highheels werben. Oder Umweltschützer für Hubschrauber-Rundflüge über Naturschutzgebiete. Oder Imame für Swinger-Klubs.

Guten Appetit!

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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