Lade Inhalte...

Kolumne Liebe Deutsche!

Ich gebe nichts auf Integration. Niemand soll sich integrieren. Ich integrier mich auch nicht. Ich denke gar nicht dran.

28.10.2011 16:59
Mely Kiyak

Wenn ich so anfange, muss ich natürlich erklären, wen ich damit meine. Das ist in Deutschland so. Dass man die größten Selbstverständlichkeiten erklären muss. Mit „den Deutschen“ sind natürlich die gemeint, die von sich meinen, dass sie Deutsche sind. Das muss jeder für sich entscheiden. Es gibt keine „deutsche Jury“ die wie bei einer Casting Show entscheidet: Du rein, Du raus.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Abkommen zur Anwerbung türkischer Gastarbeiter hat es hier und da einige Sonderseiten in Zeitungen gegeben. Ich wundere mich grundsätzlich, warum es ein dringendes Bedürfnis nach Berichterstattung über Deutsch-Türken gibt, aber nicht jede Redaktion zum Zerbersten voll mit Kindern nicht nur türkischer, sondern aller Einwanderer ist? Journalisten schreiben Artikel darüber, ob in „Türken“ menschliches Leben ist. Wären ein paar „Türken“ in der Redaktion, könnten sie mal anfassen und nachprüfen. Zum „Über-Türken-Urteilen“ klappern stattdessen halbtalentierte Schreiber irgendwelche Türkenalleen ab und berichten, ob die Affen schon in der Zivilisation angekommen sind.

He, ihr halbtalentierten Arschlöcher, ich bin ein solcher Affe und ja, ich kann schon mit Messer und Gabel essen.

In der Wochenzeitung Zeit regte sich Feridun Zaimoglu wahnsinnig darüber auf, dass sich manche nicht trauen, zu sagen: „Ich mag keine Türken“. Stattdessen Statistikschrott und abgestelztes Pseudo-Bescheidwissen auf allen Kanälen. Er versteht nicht, dass es so schwer fällt, türkischen und anderen Gastarbeitern mit Respekt zu begegnen, schließlich seien sie nicht zum „Daumen lutschen“ gekommen. Die nicht Achtung haben, sollen sich, Achtung Zitat, „ins Knie ficken.“ Ich würde solche Beschimpfungen nie in dieser Form aussprechen. Ich würde immer ergänzen: Vergesst nicht, in die anderen Gelenke mit rein zu stecken!

Die abfällige Arroganz mit der sich Kollegen auf das sogenannte Türkenthema stürzen und einer ganzen Generation ihre Fieberthermometer hinten rein stecken, um den, ich muss mich fast übergeben, wenn ich das Wort aufschreibe: „Integrationsgrad“ zu messen, ist zum Gehirnherpes bekommen. Ich gebe nichts auf Integration. Niemand soll sich integrieren. Ich integrier mich auch nicht. Ich denke gar nicht dran.

Wenn sich jemand integrieren soll, dann jene Deutsche, die ernsthaft glauben, dass man in bestimmte Viertel des Landes gehen könne, um entsetzt festzustellen: hier sind ja nur Türken! Es gibt eben Viertel, da wohnen Menschen, die dunkle Haare haben. Das sind aber nicht Türken. Das sind Deutsche mit dunklen Haaren. Ich selber wohne in einem Viertel, in dem fast nur Ossis wohnen, wie mancher sagen würde. Es gibt keine Ossis. Das sind Deutsche, die wie ehemalige Ossis reden und sich so kleiden. Diese Deutschen müssen ja auch irgendwo wohnen! Freiwillig will ja auch keiner von denen wegziehen, zum Beispiel dahin, wo die mit den dunklen Haaren wohnen. Müssen sie ja auch nicht. Es ist wie im Swinger Club, jeder soll wie er will! Ich bin schon eine Kulturstufe weiter. Ich mache es mir selbst. Beziehungsweise mit meinem Kollegen Arno Widmann.

Gemeinsam haben wir eine Beilage zum Thema „türkische Gastarbeiter“ gemacht. Über die Arbeit fing er an einen dunklen Schnurrbart zu bekommen – weiß der Himmel warum – schauen Sie selbst!
Ihre Mely Kiyak

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum