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Kolumne Klarsfeld und Kanzler Kiesinger

Die berühmte Ohrfeige von Beate Klarsfeld gegen Kurt-Georg Kiesinger ist ein Dokument der Schuldabwehr – eine Heldinnentat war sie bestimmt nicht.

28.02.2012 18:06
Götz Aly
Götz Aly

Nun hat Die Linke Beate Klarsfeld als Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl am 18. März nominiert. Die 1939 in Berlin gebürtige (christliche) Deutsche lebt in Paris. Zusammen mit ihrem jüdischen Ehemann Serge Klarsfeld bemüht sie sich seit mehr als 40 Jahren darum, noch lebende Nazitäter irdischer Gerechtigkeit zuzuführen.

Die Klarsfelds haben die Verfolgung und Deportation französischer Juden dokumentiert und die französische Kollaboration gegen erhebliche, auch gegen linke Widerstände ans Licht der Öffentlichkeit gehoben. Keine Frage: Beate Klarsfeld ist mit den Jahren eine verdiente, zu Recht geehrte Frau geworden.

„Nazi! Nazi! Nazi!“

Auf einen Schlag berühmt wurde sie am 7. November 1968. Damals, während einer CDU-Sitzung in Berlin, stürzte sie auf Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger zu, versetzte ihm eine Ohrfeige und zischte: „Nazi! Nazi! Nazi!“ Die Tat kam unter den weltanschaulich erregten, noch von starken Feindbildern vorgeprägten Achtundsechzigern gut an.

Sie entlastete jüngere Deutschen, die im Eiltempo auf die bessere Seite der Geschichte wechseln wollten, auch Beate Klarsfeld, die einst den Mädchennamen Kunzel trug. Was eigentlich machten Vater und Mutter Kunzel zwischen 1933 und 1945? Die Frage erscheint berechtigt, weil die Tochter nach ihrer Züchtigung Kiesingers ihre Tat erläuterte, und zwar als Akt „für ein Deutschland, befreit von jeglichem Hang nach Sühne“.

Dokument verzweifelter Schuldabwehr

Hernach verteidigte Horst Mahler die Klarsfeld im Strafprozess, und linke, bald antisemitisch agierende Straßenkämpfer warfen dem Richter und einem Staatsanwalt die häuslichen Fensterscheiben ein. Wie verlogen der Protest war, demonstriert ein offener Brief, den Günter Grass 1966 gegen Kiesingers Ernennung zum Bundeskanzler verfasst hatte: „Wie sollen wir“, so fragte der Mann, der so gerne die Richtlinien der Moral bestimmte und über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS schwieg, „der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagen, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?“

Sowohl Grass als auch Beate Kunzel-Klarsfeld flüchteten sich in die Identifizierung mit den Opfern und bezogen daraus die moralische Legitimation, auf den westdeutschen Nachkriegsstaat verbal oder physisch einzuschlagen.

Dabei lag das Problem im Privaten. Gewiss, in den allermeisten Fällen hatten sich die Eltern nicht an Verbrechen direkt beteiligt. Aber die Mütter brachten ihren Kindern die im BDM gesungenen Lieder bei, die Väter hatten sich im NS-Kraftfahrerkorps ihre Jugendträume erfüllt und erzählten vom Krieg entweder gar nichts oder merkwürdige Anekdoten. Die Kinder waren nicht in der Lage, den innerfamiliären Nebel zu durchbrechen. Deshalb wurden „Alt-Nazi-Kiesinger“ und „der Staat“ zu Ersatzobjekten privater und individueller Sprachlosigkeit.

So betrachtet kann die Ohrfeige der Klarsfeld als Dokument verzweifelter Schuldabwehr verstanden werden – eine Heldinnentat war sie bestimmt nicht. Kurt-Georg Kiesinger wusste das genau. Die jungen, aufgeregten Deutschen, so sagte er während einer Besprechung im Kanzleramt, versuchten „aus ihrer Geschichte zu fliehen“, sich nicht als Deutsche, sondern als Europäer oder Internationalisten zu verstehen. Kiesinger bezeichnete das als „merkwürdige Illusion“ – und behielt recht.

Götz Aly ist Historiker.

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