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Kolumne Kicken im rechtsfreien Raum

Wenn fünfhundert Fans die Gegner beschimpfen, passiert meistens nichts. Bei fünfzig Demonstranten sieht es schon anders aus - warum eigentlich?

Polizisten beim OFC-Spiel am Bornheimer Hang. Foto: Monika Müller

Eigentlich darf man nicht auf Polizisten spucken. Das ist eklig und strafbar. Man darf auch nicht gegen einen Streifenwagen treten, im Beisein eines Schutzmanns den Hintern blank ziehen oder sein Geschlechtsteil entblößen. Und man darf auch nicht auf die Straße pinkeln, ob mit Polizist oder ohne.

All dies ist verboten und wird geahndet. Es sei denn, man ist Fußballfan. Findet nämlich ein Spiel statt und fühlt man sich einer Mannschaft verbunden, zieht man sich ein entsprechend gefärbtes Leibchen an, hängt sich einen Schal um, trinkt einen Kasten Bier und darf dann grölend, lallend und kotzend durch die Gegend torkeln und außer oben genannten Verrichtungen auch ungestraft „Bullenschweine“ brüllen, „schwule Sau“ oder gar „Eintrachtjuden“.

Der Fußball hat halt seine eigenen Gesetze. Diese Aussage, für die man in einer sonntäglichen Sportsendung drei Euro ins Phrasenschwein werfen müsste, hat im realen Leben eine bittere Bedeutung. Dreht sich’s ums Kicken, ist plötzlich alles anders. Fünfhundert Fußballfans gelten offenbar als schützenswertes Kulturgut, für sie sperrt man ganze Straßenzüge, sie dürfen mit Bierflaschen werfen und mit Krachern. Gehen hingegen fünfzig Blockupy-Leute auf die Straße, gilt dies als unangemeldete Demonstration, und jedes Halstuch ist plötzlich eine Waffe und Grund für eine vorübergehende Festnahme.

Im Stadion passiert jahrzehntelang überhaupt nichts

Noch schräger wird es, schaut man tiefer hinein. Wie Militärs oder die katholische Kirche haben Sportverbände eigene Gerichtsbarkeiten. Trete ich auf der Straße einen Passanten und breche ihm das Schienbein, komme ich ins Gefängnis. Tue ich das Gleiche auf dem Fußballplatz, darf ich die nächsten drei Male nicht mitspielen. Beschimpfe ich im richtigen Leben jemanden als „Judenschwein“, gilt dies nach § 130 Absatz 1 StGB als „Volksverhetzung“ und wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Tut man dies im Fußballstadion, passierte jahrzehntelang überhaupt nichts. Erst seit kurzem kommt es zu zaghaften Ermittlungen, besonders wegen rassistischer Äußerungen. Warum? Weil es sich einige dunkelhäutige Spieler nicht länger bieten ließen und demonstrativ vom Platz gingen.

Langsam und schwerfällig reagierten auch die Verbände. Die Strafen sind entsprechend drakonisch. Fasst man einen Missetäter, darf er nicht mehr ins Stadion. Vor solch einer Sanktion zittert der sicher wie Espenlaub. Erst recht, weil er weiß, dass dies kein Mensch kontrollieren kann. So viel zur gesellschaftlichen Verantwortung eines Sportverbandes.

So ist’s im Kleinen. Und im Großen? Nun, da fordern nun einige Politiker und die Organisation Human Rights Watch, die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2022 nicht in Katar stattfinden zu lassen, weil dort Menschen wie Sklaven gehalten werden und an ihrer Arbeitsstelle verrecken. Pah, das gehe ihn nichts an, meinte dazu der Präsident des Weltverbandes der Fußballtreter, Joseph Blatter, das seien arbeitsrechtliche Angelegenheiten, und für die sei Katar selbst zuständig. Logisch, Sepp. So ’n paar Menschenleben. Was soll man sich denn da einen Kopp machen. Man halte es lieber mit der Devise von Franz Beckenbauer, der seinen Mannen immer sagte: „Geht’s raus und spielt’s Fußball“.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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