Lade Inhalte...

Kolumne Keks gefällig?

Die Entwicklung hin zum legalen Joint schreitet weltweit voran – nur der deutsche Gesetzgeber hinkt wie stets hinterher.

Eigentlich mache ich mir ja wenig aus bewusstseinserweiternden Substanzen. Mir reichen im Sommer Weiß- und im Winter Rotwein. Diese, meine Drogen, konsumiere ich regelmäßig seit meinem 16. Lebensjahr, also kann ich getrost behaupten, dass sie sich bewährt haben. Andererseits kenne ich Menschen, die seit vielen Jahren ausgiebig dem Wirkstoff Tetrahydrocannabinol zusprechen, und prangere dies selten an.

Ich reagiere jedenfalls nicht so wie jener Polizeioberkommissar, den ich vor vielen Jahren mal bei einer Drogenrazzia begleitete. Wir schlenderten so durch Frankfurt, und aus einer Small-Talk-Laune heraus sagte ich „Na ja, so einen durchgezogen haben wir ja alle schon mal, nicht?“. Der Mann erstarrte, blieb abrupt stehen und sah mich an, als ob ich ihn gefragt hätte, ob er denn schon mal Sex mit einer Elchkuh gehabt habe. Und wenn, hätte er dies eher zugegeben als den Konsum von Cannabis.

Doch wie gesagt, das ist lange her, der Mann dürfte mittlerweile kurz vor der Pension stehen. Mit etwas Glück hat er vielleicht wohlgeratene Kinder in die Welt gesetzt, die ihn mal an ihrem Joint ziehen und so in eine andere Erfahrungswelt vordringen ließen. Oder ein feixender Kollege buk anlässlich einer Betriebsfeier Kekse mit Hasch aus der Asservatenkammer und ließ den Kommissar auch mal ein wenig jodeln. Ob so oder so, der Wirkstoff ist salonfähiger geworden. Junge Menschen werden nicht mehr als Haschbrüder beschimpft, ist doch allgemein bekannt, dass fast jeder Zweite unter 25 Jahren schon mal kiffte. Und die Droge zieht sich durch alle Altersschichten. So manche Hausfrau nimmt heute lieber einen kräftigen Zug aus dem Pfeifchen als einen Schluck Klosterfrau Melissengeist. Und es sind eher die 75-Jährigen, die aus alter Gewohnheit mit dem ewigen Grinsen im Gesicht am Steuer sitzen.

Die Entwicklung schreitet also voran, lediglich der Gesetzgeber hinkt mal wieder hinterher. Während hierzulande noch arme Würmchen wegen zehn Gramm Gras verfolgt werden wie Kapitalverbrecher, sind Besitz und Konsum von Cannabis in vielen Ländern der Welt längst erlaubt, selbst in den sonst so prüden USA bereits in 23 Staaten. Dort erhielt sogar der dauerkiffende Rapper Snoop Dogg kürzlich eine Audienz beim Präsidenten. Gras und Hasch erfreuen sich steigender Beliebtheit – beim Konsumenten, bei den Herstellern und bei den Regierungen. So brachte die Legalisierung dem US-Bundesstaat Colorado allein im ersten Halbjahr 2014 zusätzliche Steuereinnahmen von 20 Millionen Dollar. Herzerweichend auch ein ZDF-Bericht aus Israel: Dort bekommen siechende Omas in Heimen vorgedrehte Joints oder lustige Kekse und fahren kurz drauf im Hühnerstall Motorrad.

Bei uns hingegen dürfen Schwerkranke nach langem juristischen Gerangel mit Müh’ und Not sich nun endlich etwas anbauen, und zaghafte Versuche der Grünen, Coffeeshops nach niederländischem Vorbild zu erlauben, werden milde belächelt. Dabei wäre eine Legalisierung eine vernünftige Lösung. Der Staat erhielte mehr Steuern, die Verbraucher besseres Gras und die Polizei mehr Kapazität, die wirklich Kriminellen zu fangen – oder jene mehr zu verfolgen, die sich auf Volksfesten einen Eimer legales Bier in den Kopf schütten und sich dann ans Steuer setzen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum