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Kolumne Hass-Subjekt Unternehmer

Wenn sich Risikoscheu und Neid auf erfolgreich selbstständige Zuwanderer paaren, wird es national-sozialistisch.

03.01.2012 20:13
Götz Aly
Historiker Götz Aly.

Vor einigen Tagen machte diese Zeitung mit der Schlagzeile auf, „Einwanderer starten Gründerwelle / Deutsche scheuen dagegen oft das Risiko / Besonders Zuwanderer aus Polen zeigen Unternehmergeist“, ebenso die Deutschtürken. Die Nachricht bestätigt einen geschichtlichen Trend. Anno 1907 arbeiteten von hundert städtischen Erwerbstätigen in Deutschland 4,5?Prozent der Protestanten und drei Prozent der Katholiken als Selbstständige, aber von den Juden wirtschafteten 37 Prozent auf eigene Rechnung und ohne einen Chef vor der Nase. Den Mehrheitsdeutschen fehlte es an Mut zur wirtschaftlichen Freiheit, oft auch an Geschick und Wissen. Auch deshalb erklärten sie (jüdische) Unternehmer zu Hassfiguren.

Risiko, nein danke. Staatshilfe? Ja bitte!

Solche Deutsche gibt es auch heute noch. Sie maulen vor sich hin: Risiko, nein danke! Staatshilfe, ja bitte! Ihnen macht Eigenverantwortung mehr Angst als Freude, sie empfinden Freiheit als Unbequemlichkeit, beneiden den unternehmerisch erfolgreichen Nachbarn, bevorzugen jedoch für sich selbst die abhängige Beschäftigung als die mit Abstand gemütlichste Lebensform. Hauptsache sie „wahren ihre Ansprüche“ auf Lohn-, Arbeitsplatz- und Rentengarantie, haben ihr Bierchen und ihr Kassler, wahlweise ihre Ökopastinaken und ihr leckeres Bioei.

Jeder kennt diese garantiert germanischen Urdeutschen, die allerorten in den Angestelltenetagen – zugleich meckernd, initiativarm und bequem – die gute Laune stören oder in steril gewordenen Universitätsinstituten, Behörden, quasi staatlichen Stiftungen oder Wohlfahrtsorganisationen vergessen, wer die Steuergelder erwirtschaftet, von denen sie leben. Sie bemänteln Einfallslosigkeit als Unterdrückung oder Geldmangel. Stoßen solche Leute auf Probleme, dann verharren sie in Tatenlosigkeit, rufen nach „dem Staat“ oder „der Politik“.

Terror-Opfer passten nicht ins Klischee

So betrachtet wählten die Zwickauer Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds neun Opfer aus, die ein Gemeinschaftsempfinden störten, das weit über das rechtsradikale Lager hinausreicht. Sie ermordeten acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer – Menschen, die keineswegs zu den hoch qualifizierten, „erwünschten“ Zuwanderern zählten, sondern aus ärmlichen Verhältnissen stammten und trotz schlechter Schulbildung alteingesessenen, faul und fantasielos auf Vater Staat wartenden Deutschen eines demonstrierten: Wir machen unseren Weg ohne Staatshilfe; wir sind zu stolz, uns aufs Jammern zu verlegen, aufs Herumbetteln in Sozialämtern; wir vertrauen der eigenen Kraft, gründen unsere kleine, jedoch selbstbestimmte Existenz. Wir versuchen unser Glück.

An diesem Punkt verbinden sich die Risikoscheu und die selbstmitleidige Knechtsmentalität so mancher Altdeutscher mit dem Hass gegen zugewanderte, unternehmungslustige Menschen aus anderen Ländern. Dagegen kommt keine „Aktion gegen Rechts“ an, dagegen hilft nur eines: Mehr Unternehmerlust, mehr Freiheitsfreude, weniger fürsorgliche Selbstknebelung für alle.

Nüchtern stellte die Industrie- und Handelskammer Berlin vergangene Woche fest: „Die Selbstständigkeit ist im Ausland häufig höher angesehen als in Deutschland.“ Sie wird sogar verachtet – und in dieser geistigen Brühe schwimmen unsere rechtsterroristischen Fische.

Götz Aly ist Historiker.

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