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Kolumne Der rationale Charme der Verschwörung

Sigmund Freud und die griechische Tragödie - Gedanken zum Fall des Dominique Strauss-Kahn.

02.06.2011 22:59
Stephan Grünewald
Kulturforscher Stephan Grünewald.

Sigmund Freud hat einmal erwähnt, seine Erkenntnis, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, habe viele Zeitgenossen noch stärker gekränkt als die These Darwins, dass der Mensch vom Affen abstamme. Der Fall Dominique Strauss-Kahn spitzt diese Kränkung noch einmal zu. Selbst die „edelsten“ oder „mächtigsten“ Männer, die Herrscher der Finanzwelt, scheinen gegen die entfesselten Triebkräfte der Seele nicht gefeit zu sein. Die Ungläubigkeit, Verstörung und die schiere Unbegreiflichkeit, die man angesichts dieser – wie der Spiegel ausführt – „griechischen Tragödie“ verspürt, verweist darauf, dass der dunkle Kontinent der Seele auch im 21. Jahrhundert noch schier unergründliche Geheimnisse birgt.

Der Wunsch ist riesengroß, die auch bei Strauss-Kahn erlebte Sprachlosigkeit zu überwinden und Erklärungen für diese ungeheuerliche Entgleisung zu finden. Das verbreitetste Erklärungskonstrukt der vergangenen Woche war die Korrumpierung des Ichs durch die Gier nach grenzenloser Macht: Sie führt den Menschen in einen Zustand der Macht-Trunkenheit, die mit einer narzisstischen Selbstüberschätzung einhergeht. Und diese führt dann zu einer zunehmenden Verkennung der Realität, des Alltags und der Belange der Mitmenschen. Diese Erklärung hat ihre logische Plausibilität, weil sie an eigene Alltagserfahrungen anknüpft. Die (Macht-)Trunkenheit am Steuer führt zu einer groben Verletzung der (sexuellen) Verkehrsregeln.

Allerdings ist diese Erklärung auch sehr eingängig. Die ungeheuerliche Entgleisung erscheint als ein Delikt der Spitzen-Kavaliere (Strauss-Kahn), bei denen dann bekanntlich „Hochmut vor dem Fall“ kommt. Aber die verstörende Unbegreiflichkeit dieses Falls lässt sich so nicht ganz auflösen.

Die griechische Tragödie konfrontiert uns da mit tieferen seelischen Abgründen – mit Helden, die in blinder Selbstzerstörungswut in ihr Verderben rennen. Ein Erfolgsmensch, der seine erotische Disposition kennt und der sicherlich weiß, dass Amerika prüde ist, lässt sich, kurz bevor er das höchste Amt Frankreichs ergreifen kann, zu einer alles vernichtenden Fehlleistung hinreißen. In dieser Tragödie verspürt man die ungeheuerlichen Selbstzerstörungskräfte der Seele, die – wider jede Vernunft – ihren finalen Triumph in einem politischen Suizid finden kann. Und die dann nach der Tat in fassungsloser Sprachlosigkeit versinkt.

Vor solch einem erschreckenden Blick in die bloße Möglichkeit seelischer Abgründe schützen uns allerdings die aufkommenden Verschwörungstheorien. Denn sie rücken die tragische Absurdität der Geschehnisse in ein vernünftiges Licht. Täter ist jetzt nicht mehr das aberwitzige Räderwerk der Seele, sondern ein politisches Räderwerk, das seine kalten Machtinteressen mit der Präzision eines Uhrwerks inszeniert.

Durch die Verschwörungstheorie wird eine Welt der Vernunft beschworen, die auch vor der Intrige nicht zurückschreckt, um ihre höheren Ziele zu verwirklichen. Eine Welt, in der das Ich dann doch wieder Herr im Haus ist: sowohl das Ich des eigentlichen Täters, der planvoll und mit rationalem Kalkül arbeitet. Als auch das Ich des vermeintlichen Täters, der doch nur das rechtschaffene Opfer einer bösen Intrige ist.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

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