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Kolumne Der Motor als Kolbenfresser

E10 klingt nach Hartz IV oder Agenda 2010. Erst wenn der neue Sprit einen anderen Fahrstil kreiert, hat er eine Chance am Markt.

10.03.2011 14:29
Von Stephan Grünewald
Kulturforscher Stephan Grünewald.

Weder die Autos noch die Autofahrer fahren derzeit auf den neuen Sprit E10 ab. Die Zurückhaltung an der Zapfsäule begründet sich vor allem in dem Kommunikationsdesaster, das die Verantwortlichen bei der Einführung buchstäblich „verzapft“ haben. Bereits der Name ist ein marketingpsychologisches Unding: E10 klingt wie ein Magen-Darmvirus und weckt große Ängste vor einer Unverdaulichkeit. Man hat zwar mit E10 eine chemisch exakte Definition gewählt, aber deren seelische Wirkung nicht mit einkalkuliert. Dabei haben sich in der Vergangenheit Wort-Zahl-Kombinationen nicht gerade bewährt. E10 klingt nach Hartz IV oder Agenda 2010 – alles Begriffe, die uns mit einer ernüchternden Endlichkeit konfrontieren.

Viel „raffinerierter“ sind dagegen Bezeichnungen wie „V-power“, „racing“ oder „ultimate“, mit denen die Mineralölkonzerne derzeit ihren Treibstoff auftunen. Einige Fahrer sind sogar bereit, für diese dynamisierenden Sprit-Spezialitäten mehr als 10 Cent pro Liter zuzuzahlen. Denn hier wird ihr Wunsch nach gesteigerter Auto-nomie bedient. Sprit ist psychologisch betrachtet mehr als Treibstoff. Er ist eine Art Lebenselixier, das nicht nur das Auto antreibt, sondern auch den Fahrer mobilisiert. Man ist nicht nur, was man isst, sondern auch, was man zapft. Wenn man etwa den Tiger in den Tank packt, tankt man gleichzeitig auch die Sprungkraft und Antrittsschnelligkeit, um im täglichen Konkurrenzkampf die Kollegen hinter sich zu lassen.

All diese Verheißungen auf autonome Egomaximierung konterkariert nicht nur der Name, sondern auch das Bio-Image, das dem Treibstoff anhaftet. Denn Bio steht für ungespritztes Obst und Gemüse. Das wirkt eher tranig oder faulig als spritzig. Die Spritztour mit E10 ist nur schwer vorstellbar. Zudem steht Bio immer noch für bewusste Askese und natürliche Entschleunigung. Biosprit gerät dadurch in eine behäbig-gutmütige Diesellogik, die von der Benzinfraktion gemieden wird.

Aus der Biologik rührt auch die Befürchtung, dass der Benziner den Bio-Sprit nicht verträgt. Rüben und Getreide gelten ohnehin als Ballaststoffe, die schwer im Magen liegen und am Ende noch Durchfall also überhohen Spritverbrauch verursachen. Der Motor wird im übertragenen Sinn zum Kolbenfresser. Die Verträglichkeits-Warnungen beglaubigen dann diese unbewussten Vorbehalte und steigern sie zu einer Art realen Todesdrohung der Autonomie – dem Motorschaden.

Eine Wende im Verhalten lässt sich nur langfristig erzielen. Dabei kann man sich an einem erfolgreichen Bio-Pionier orientieren: dem grünen Frosch-Reiniger. Der hat das Putzverhalten der Deutschen in den letzten 25 Jahren nachhaltig verändert, weil er eben nicht nur auf Umwelt-Argumente gesetzt hat. Er hat vielmehr den flinken Blendern und Kraftprotzen à la General und Meister Proper eine grüne Kröte entgegengesetzt, die sich auch in einer modrigen Umwelt ganz wohlfühlt. Damit hat er einen entspannten und gemütlichen Putzstil kreiert, der sein Heil nicht mehr in der ultimativen Putzschlacht findet. Analog hat E10 nur eine Chance, wenn er einen eigenen, souveränen und entspannten Fahrstil kreiert. Ein Fahrstil, der nicht auf egomanische V-Power setzt, sondern auf eine Beimischung von Gelassenheit, die dafür sorgt, dass man unterwegs mit sich und der Welt im natürlichen Einklang bleibt.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

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