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Kolumne Der kalifornische Terror

Selten war ein schlechtes Buch so wichtig: Der Roman „Der Circle“ rüttelt uns aus unserem digitalen Dämmerschlaf.

"Der Circle" von Dave Eggers. Foto: dpa

Die Sprache ist blutarm, manch Szene lieblos ausgewalzt. Einige Bilder hängen furchtbar schief. Ein Lektor mit Stilgefühl und Heckenschere hätte dem „Kultbuch“ (so die Popjodler seines Kiwi-Verlags) sehr gut getan. Und trotzdem ist „Der Circle“ eine echte Bereicherung. Richtig wichtig. Denn er trifft Geist und Ton der digitalen Erweckungsprediger. Gibt uns eine Ahnung davon, dass der nächste Faschismus aus Kalifornien kommen könnte, in einer wasserfesten, extraleichten, rundum leistungsoptimierten Version, die vermutlich auf 98 Prozent Begeisterung stoßen wird. Weil sie so wohltätig, grundgut und vegetarisch ist, so bunt, fröhlich, aufregend und kundenfreundlich. Aus der Cloud wird der bestens gemeinte Terror auf uns niederkommen, kurz nachdem wir Totaloffenbarung geleistet haben – ein jeder den letzten Winkel seiner Seele gepostet, mit jedem anderen ein „Selfie“ geschossen hat und so endgültig selbst zum Produkt geworden ist. Smile. Like. Bla.

Den eher dürren, oft durchsichtigen Plot haben die Feuilletons schon erzählt: Die unbedarfte Standardamerikanerin Mae ergattert einen Job bei „The Circle“, einem Überunternehmen, das alles digitale Tun und Sein verschmilzt. Der riesige Firmen-Campus bietet Events ohne Ende. Jeder ist glücklich, gesund, fit und komplett vernetzt; macht sich durchsichtig bis zum völligen Verschwinden des Ichs.

Mae, Sklavin der Abteilung „Customer Experience“, wird getrieben von einer wachsenden Zahl von Monitoren und sonstigen Gerätschaften, die sie ausmessen, befühlen und befragen. Sie muss Benchmarks erfüllen, sich immer mehr steigern und zugleich sozial sein, teilnehmen am großen Ganzen. Ständig interagieren, sich absolut einbringen in diese selbstseelige, von den Slogans ihrer Gurus besoffene Volksgemeinschaft. Es ist kein Zwang, es ist viel mehr. Es wird erwartet, von allen, zum Wohle aller. Und also geschieht es.

Es fühlt sich nicht wie eine Zukunftsvision an, eher wie ein morgen Nachmittag. Die Sprache ist von heute: Alles ist „cool“ und „super“, alle labern in emsiger Über-Affirmation, sagen permanent „okay“, „gut“, „genau“, „unbedingt“. Man hat danach Alpträume von fiesen Typen, deren Züge vage an Steve Jobs seelig, an Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Larry Page und Sergey Brin erinnern. „Du willst es doch auch!“, raunen sie. „Wir wollen nur dein Bestes!“. Man verspürt den verschärften Drang, sich nun doch endlich bei Facebook abzumelden und das Smartphone unter die nächste  Straßenwalze zu schieben.

Nein, ich bin kein Maschinenstürmer. Ich bin jetzt ein Vierteljahrhundert online und weiterhin bereit, das Internet als Meilenstein menschlichen Fortschritts zu preisen. Aber irgendwie müssen wir uns und unser Netz retten. Nicht nur vor der NSA und befreundeten Diensten. Auch vor dem kalifornischen Kapitalismus, der nicht minder krakenhaft daherkommt. Der uns alle zu Menschenware, zu seinem intellectual property machen will. Indem er unsere Neigungen, unsere Neugier, unsere Intimität, unser Denken, Fühlen und Sein in Callcentern verhandelt, in Datenspeichern hortet und so allmählich und unwiederbringlich in Firmenbesitz überführt.

„Ich sehe jetzt alles ganz klar“, sagt Mae an einer Stelle. Würde uns auch guttun.

Tom Schimmeck ist Autor.

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