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Kolumne Der heitere Fatalismus

In der Wirtschaft zeigen die Kurven nach oben. Doch gefühlt leben wir in einer Welt der Krisen, die kein Ende nehmen wollen.

01.07.2011 14:46
Von Stephan Grünewald

Du aber sitzt am Fenster und erträumst sie Dir.“ Mit diesem Satz endet eine Parabel von Franz Kafka, in der ein Kaiser vom Sterbebett eine kaiserliche Botschaft aussendet. Diese Botschaft kann aber niemals bei seinem „Untertan“ ankommen, da der Bote ewige und unüberwindliche Entfernungen zurücklegen muss und so nie sein Ziel erreichen wird.

Ähnlich scheint es sich derzeit mit den kanzlerischen Botschaften vom Aufschwung in Deutschland, von den tollen Konjunkturdaten und Exportbilanzen zu verhalten. Sie werden zwar versendet und verstanden, kommen aber nicht wirklich an. Eine Aufbruchstimmung, ein nachhaltiger Optimismus und Wagemut ist weder in der Wirtschaft, noch bei den Menschen im Lande zu verspüren. Deutschland hat sich in einem unentschiedenen Schwebezustand verrannt.

Der Blick aus dem Fenster eröffnet derzeit auch zwei vollkommen disparate Wirklichkeiten: Zum einen sieht man mit freudigem Erstaunen die wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen. Es scheint beständig aufwärts zu gehen. Zum anderen blickt man in die vielen Dauerkrisen, die im subjektiven Erleben niemals zu einem Ausgang kommen.

Vielleicht verschwinden sie für einen Moment von der Bildfläche und man hofft insgeheim, dass jetzt alles überstanden ist. Aber im nächsten Augenblick taucht diese Krise wieder auf. Die lecken Atomkraftwerke im japanischen Fukushima strahlen immer noch und das Ende des Schreckens scheint unabsehbar. Die Schuldenkrise in Griechenland mutet wie ein unaufhörlicher Sirtaki an, bei dem das gemeinsame Schulden-Schultern niemals zu einem Ende kommt. Die Ehec-Erreger tauchen als ewige Wiedergänger immer wieder an anderen Stellen und in anderen Formen auf. Stuttgart 21 bleibt eine ewige politische Baustelle. Und selbst dem Diktator Muammar al-Gaddafi kann trotz monatelangem Dauerbombardement kein Ende bereitet werden.

Im subjektiven Erleben hat sich hinter den Kulissen-Zauber vom deutschen Aufschwung das Gefühl einer kafkaesken Krisenpermanenz geschoben. Auch früher wurde in den Medien eine Krisen-Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben. Heute jedoch scheint die Sau – ähnlich wie der kaiserliche Bote – niemals das Ende des Dorfes erreichen zu können.

Die beunruhigenden Sauereien und Probleme laufen unaufhörlich weiter. Nichts lässt sich finalisieren. Kein Problem findet einen guten oder zumindest endgültigen Ausgang. Das nährt bei den Menschen die Zweifel an der Nachhaltigkeit der guten Nachrichten. Und führt zu einem „heiteren Fatalismus“. Man rechnet unterschwellig mit dem Schlimmsten, mobilisiert dadurch jedoch seine Kauflaune nach dem Motto: „Solange der Euro noch zahlungsfähig ist, versuche ich ihn in Lebensqualität umzumünzen.“

Die momentane Freude auf das kleine Sommermärchen der Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland gründet sich in der Hoffnung auf eine heile Fußball-Welt ohne kafkaeske Endlosschleifen: Wie schön wäre doch eine Welt mit klaren Regeln und definitiven Ergebnissen! Eine Welt, in der es garantiert ein Finale gibt und in der Deutschland vielleicht am Ende Weltmeister ist! „Du aber sitzt am Bildschirm und erträumst sie Dir.“

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

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