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Kolumne Das kleine Böse im Kopf

Wenn Akademiker über den Antisemitismus schreiben, befällt sie ein geistiges Rollatorentum. Heraus kommen oft unlesbare Schwarten, die aus den Steuern von Verkäuferinnen und Fließbandarbeitern bezahlt werden. Das ist bei Henryk M. Broder anders.

20.03.2012 18:27
Von Götz Aly
Götz Aly

Anders als zu Kaisers Zeiten dürfen Deutsche heutzutage nicht von einer Judenfrage sprechen. Deshalb sucht sich der im Verborgene wummernde, von nationalen Schuldgefühlen verstärkte Antisemitismus die Auswege „Israel-Kritik“ und „Solidarität mit den Palästinenserinnen und Palästinensern“. Die unausgesprochenen Ziele heißen Schuldübertragung und -reduktion. Dabei „denkt es“ im germanischen Vegetativum, wie Henryk M. Broder in seiner Streitschrift „Vergesst Auschwitz!“ schreibt. Sie erschien soeben im Knaus-Verlag und trägt den Untertitel „Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage“.

Man muss nicht jeder Gedankenkapriole folgen, doch sind Broders Texte pointiert, spitz und mit Vergnügen geschrieben – jüdisch im besten Sinn des Wortes. Ihnen fehlt jener verschwiemelte Bierernst, jenes geistige Rollatorentum, das, wie Broder empirisch darlegt, beispielsweise Herrn Professor Wolfgang Benz befallen hat.

In den vergangenen Jahren machte Antisemitismusforscher Benz mit kühnen Vergleichen auf sich aufmerksam, etwa so: „Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden.“ Das „ist gefährlich, wie das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Umsetzung im Völkermord lehrt“, wie Benz mit unnachahmlicher Eleganz erläutert.

Broder witzelt darüber. Benz gibt die beleidigte, teutonische Leberwurst und damit ein lebendiges Beispiel dafür, woher der verbiesterte deutsche Antisemitismus rührt. Stets hat „Vorurteilsforscher“ Benz Kritik als „völlig lachhaft“, als Angriff „von Außenseitern“ zurückgewiesen, „so als würde jemand aus dem Gesinde an den Manieren des Schlossherrn herummeckern“. Diese Erfahrung teile ich mit Broder.

Die arteigene Antisemitismusforschung und Holocaustologie wird weithin von Leuten betrieben, die unlesbare Schwarten absondern, jedoch üppig aus den Steuern von Verkäuferinnen, Polizisten und Fließbandarbeitern bezahlt werden. Sie sprechen immerzu von „Vorurteilen gegen Jüdinnen und Juden“, verfolgen jedoch vor allem das Interesse, den weiteren Fluss von Geld und den Erhalt ihrer Wichtigkeit zu sichern.

Henryk M. verdient sein Geld als freier Mann. In seinem Buch lernt man viel über modernen deutschen Antisemitismus. Broder verhilft seinen Lesern zum Lachen – zum befreienden Lachen über sich selbst, während sich Benz über die „Rufmordkampagnen“ ausweint, die gegen ihn „losgetreten“ worden seien. Du meine Güte!

Unlängst regte sich Hilde Scheidt, grüne Bürgermeisterin von Aachen, derart über einen gemeinsamen Auftritt von Broder und Ralf Giordano auf, dass sie unter Protest aus der Deutsch-Israelischen Gesellschaft austrat und bemerkte: „So etwas können wir hier in Aachen wirklich nicht gebrauchen.“ Schließlich müsse es doch „möglich sein, auch die israelische Politik zu kritisieren, etwa eine Regierung, die dem israelischen Volk schadet“, meinte die Obergrüne.

Wer mehr über die Obsessionen von Frau Scheidt, Günter Grass, Norman Paech oder deren Schwestern und Brüder im Geiste wissen und sich zudem mit dem kleinen Bösen im eigenen Kopf beschäftigen möchte, der lese den neuen Broder. Von meinen Tanten lebt nur noch Elfriede. Ich mag sie sehr. Neulich sagte sie nach einem Fernsehauftritt Broders: „Da habe ich mich erwischt! Peinlich!“

Götz Aly ist Historiker.

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