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Kolumne Das Fleisch ist billig

Wir leben in einer Immer-Billiger-Gesellschaft. Die Produktnamen in der Fleischtruhe sind blumig, und die Ware muss rausgehauen werden. Wo bleibt da die Würde?

Foto: dpa

Bauernglück steht auf dem Fleisch in der Aldi-Truhe. Unter der Marke prangt das Bild eines lieblichen Fachwerkhofs. Wir trauen der Idylle nicht recht. Und lassen uns trotzdem einlullen vom lauschigen Wiesenhof, vom Erlenhof, vom Birkenhof, von Edekas Gutfleisch und Lidls Landjunker. Denn, ach, wir sind ja voller Landliebe. Welcher Idiot würde Stadtmilch kaufen?

Kurz wundern wir uns, dass ein Kilo Rollbraten nur 4,99 Euro kostet, ein Kilo Kotelett gerade mal 2,99, warum Schweinehack für 2,78 und Hähnchenschenkel für 1,92 pro Kilo zu haben sind. Aber egal. Ist uns wurst. Wird schon schmecken. Kräftig gewürzt. Und das Portemonnaie ist ja wieder leer. Das Fleisch ist billig. Und der Geist wird schwach.

Neulich saß ich mit einem alten Metzger in einer Schlachthofkantine. „Wenn Du heute sagst: Ich arbeite auf dem Schlachthof, dann wird die Nase gerümpft“, sagte er. „Aber das Fleisch essen alle.“ Draußen sah ich Viehwagen und Kühltransporter rangieren. Derweil er von knallharten Schichten erzählte, in denen Kolonnen osteuropäischer Malocher 600 Schweine die Stunde töten und zerlegen. Um drei Uhr früh geht es los. Weil ja immer mehr immer billiger „rausgehauen“ werden muss. Das geht auf die Knochen. Und stets heißt es: „Ihr müsst es noch günstiger machen oder mehr Stunden machen oder noch mehr Teile machen.“ Der Mensch, der zähle nichts mehr, sprach er und legte die schweren Pranken um den Kaffeebecher, „aber das kann nicht der Sinn der Sache sein“.

Leider ist genau dies der Sinn der Sache. Wer sich ein wenig herumtreibt auf Baustellen, im Transport- oder Reinigungsgewerbe, in Callcentern, bei Bäckern, Friseuren, Paketdiensten oder in der Gastronomie, der hört es überall: Der Druck wächst, die Angst wächst, das Heer der Minijobber, Tagelöhner und Outgesourcten, der Scheinselbständigen, Aufstocker und Leiharbeiter wächst. Während der Preis der Arbeit fällt. Das Sexgewerbe hat zuletzt das Flatrate-Bordell hervorgebracht.

Hatten wir nicht eben erst Aufschwung? Partiell, könnte man sagen. Die Privatvermögen prosperieren, auch die Boni fließen wieder. Das bankenrettende Gemeinwesen aber ist hoch verschuldet. Der deregulierte Arbeitsmarkt ist zum Viehmarkt geworden. Der Anteil der Löhne am deutschen Wohlstand sinkt. Am unteren Ende der Lohnskala sind die Einkommen seit der Jahrtausendwende abgestürzt. Etliche müssen sich trotz Vollzeitjobs das Geld, das zum Überleben fehlt, beim Staat holen. Das ist betriebswirtschaftlich einkalkuliert. Auf unserer aller Kosten. Auch das „Jobwunder“ 2010 war nur bedingt wunderbar. Laut Bundesstatistik entstanden von den 322?000 neuen Jobs 57 Prozent in der Leiharbeits-Branche, die in Deutschland bald eine Million Menschen vermieten wird. Die Zahl der sogenannten „atypisch Beschäftigten“ stieg 2010 sogar auf 7,84 Millionen Menschen. Das trifft Einheimische wie Migranten, die, wie eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zeigt, besonders erpressbar sind. Jede Großstadt hat inzwischen ihren „Arbeiterstrich“, auf dem sich Menschen allmorgendlich feilbieten.

Ist das der Sinn der Sache? Dass Fleisch und Arbeit immer billiger werden? Das Mindeste wäre ein Mindestlohn, der jedem Malocher ein Minimum an Würde garantiert. „Das ist halt so“, meinte mein Metzger. „Leute spielen keine Rolle. Was eigentlich schade ist.“

Tom Schimmeck ist freier Autor.

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