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Kolumne Cicero wird Kikeriki

Die K-Frage ist die Seifenoper der Saison, bietet endlosen Raum zum Spekulieren und Schwadronieren.

Heißer Kandidat in der K-Frage: Peer Steinbrück. Foto: dpa

Es ist hohe Zeit, sich sehr tief zu verneigen vor den Hauptstadtjournalistinnen und -isten. Ist diesem Kollektiv doch gelungen, woran selbst Leonardo da Vinci scheiterte: die Vollendung des Perpetuum mobile. Sie nennen es die „K-Frage“. Sie wälzen sie mit Wonne.

Vor einer Woche traf sich die SPD, um die Zukunft zu beraten. Noch immer beharrt sie rotzfrech darauf, zuerst ihr Programm zu diskutieren, also inhaltlich festzulegen, womit sie vor die Wähler treten will. Die Korrespondenten aber scheinen sich einig: Arbeit, Lohn und Steuern, Außenpolitik, Umwelt, Bildung, Energie, Militär – alles öde, langweilig, herrje, und viel zu komplex. Dafür hat der wahre Hauptstadtjournalist nur ein todmüdes Lächeln.

Weil allein die „Klärung der K-Frage“ zählt. „K-Frage lässt die SPD nicht zur Ruhe kommen“, melden die Korrespondenten, „K-Frage steht im Raum“, „K-Frage ist weiter offen“, „K-Frage lähmt alles“. Es habe „etwas absurd Trotziges“, findet etwa die Frankfurter Allgemeine, dass die SPD diese Frage vertage. „Na“, fragt auch dieses Blatt kokett, „können Sie das Thema K-Frage noch hören?“

„Wer, wenn nicht Peer?“

Scheiß auf Politik. Die K-Frage ist die Seifenoper der Saison, bietet endlosen Raum zum Spekulieren, Schwadronieren, Psychologisieren. Man beauftragt Demoskopen, bastelt Bildergalerien, strickt hechelnde Texte voller Konjunktive über das „Schaulaufen“, unter Berufung auf „viele in der Partei“, „nicht genannte Quellen“ und „mehrere mit dem Vorgang vertraute Sozialdemokraten“. Man studiert Gesichtszüge, stoppt Redezeiten, kürt Favoriten und stößt sie in den Staub. Bald „verstärken sich die Hinweise“. Kandidaten-Biografien erscheinen. Top-exklusiv wird von „geheimen Absprachen“ berichtet. „Wer soll es werden?“, fragt man dann online. „Jetzt einloggen und mitdiskutieren!“

Es ist ja so schön einfach. Jeder kann Ene mene muu und raus bist Du. Jeder kann bis drei zählen.

Sobald ihr Perpetuum mobile so richtig in Schwung ist, berufen sich die Medien – „angesichts immer neuer Berichte“ – auf den selbst produzierten Lärm und spotten über die „üblichen Dementis“. „Der mediale Druck“, triumphiert Spiegel online, „wird immer größer“. „Verlorene Tage“, resümiert die Süddeutsche Zeitung nach dem Zukunftskongress. Warum? Weil von der politischen Debatte unter 700 Menschen „genau eine einzige Kunde wahrnehmbar nach außen drang: Es gibt immer noch keinen Kanzlerkandidaten.“

Zum führenden Fachorgan des K-Journalismus hat sich das Hauptstadtmagazin Cicero aufgeschwungen. „Wer, wenn nicht Peer?“, titelte das Blatt schon im Mai 2011. Um uns fortan durch alle Abgründe der K-Frage zu führen. „Kann Wowereit Kanzler?“ fragte es letzten September. „Steinmeiers Ausgangslage“, hieß es im Dezember, sei „besser als die Gabriels und ebenso gut wie die Steinbrücks“.

Im Mai hatte die Troika „ausgedient“, im Juni erfuhren wir, „warum Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat wird“. Im August war Hannelore Kraft „die einzige, die den Kampf mit Angela Merkel aufnehmen könnte“. Ende letzter Woche endlich war Cicero wieder bei Peer angekommen: „Steinbrück wird Kanzlerkandidat“. Das Blatt, berichten gut unterrichtete, hektisch drehende Hauptstadt-Kreise, erwägt ob seiner Kernkompetenz in der K-Frage jetzt die Umbenennung in Kikero. Oder Kikeriki.

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