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Kolumne Arche Noah der Datenwelt

Das Internet gibt sich sachlich und areligiös. Dabei bedienen sich Google, Apple und Co. vieler religiöser Mythen.

23.09.2011 17:00
Stephan Grünewald

Das Internet gilt heute als finaler Triumph der Aufklärung und der Areligiösität. Von Menschenhand wurde ein virtuelles Paralell-Universum geschaffen, in dem es keine Klassen- und Standesunterschiede mehr gibt, in der alle Zugriff auf alles haben. Eine Welt, in der es keinen Tages- und Nacht-Rhythmus, keine Jahreszeiten und keine Sonn- oder Feiertage mehr gibt. Eine Reich ohne Geheimnisse, in dem alles gleichberechtigt nebeneinander steht: das kunstvolle Liebesgedicht neben den abgründigsten Perversionen, die Börsenkurse neben dem Wetterbericht. Eine regellose Welt der vollkommenen Eigenregie, in der sich der Einzelne nur noch um die um die eigenen Interessen dreht.

Aber in einer Welt totaler Glaubensanarchie kann auch der web.2.0-User nicht leben. Und psychologisch betrachtet, zeigt die heutige Internetnutzung pseudoreligiösen Strukturen. Für die meisten ist Google als allmächtiger Gott des Internets die unverzichtbare Startseite. Erst das tägliche Google-Stoßgebet eröffnet die persönliche Welt. Was Google nicht kennt und preisgibt, das gilt als nicht existent und wahrnehmbar. Google hat in den schier endlosen Fluten und Weiten des Webs eine Art Arche Noah gebaut, wo scheinbar alle Tierchen und Pläsierchen dieser Welt kategorisiert und in einem himmlischen Ranking platziert sind. Google spielt aber auch in seinem branding mit diesen Sinnbildern des Göttlichen. Da man sich ja von Gott kein Bild machen soll, präsentiert sich Google als reduktionistische weiße Seite. Der Google-Schriftzug wirkt allenfalls wie ein göttliches Auge, das über den Dingen schwebt und alles sieht und erfasst.

Apple und der Messias Steve Jobs bedienen sich ebenso religiöser Mythen. Das Logo – der angebissenen Apfel – verweist auf den Baum der Erkenntnis von dem man mit Apple kosten kann. Die frohe Botschaft, die jedes Jahr mit den neuen technologischen Errungenschaften propagiert wird, ist der Traum von der Gottgleichheit. Der vom Silicon Valley herabgestiegene Gottessohn schenkt seinen Jüngern schicke Netzgeräte mit der sie als Datenfischer die Welt ins Haus holen können. Er verleiht ihnen einen göttlicher Zeigefinger mit dem sie spielend leicht Bilder verschieben oder Dateien öffnen können. Sigmund Freud hat bereits vor 100 Jahren konstatiert, dass der Mensch nur ein Prothesengott sein. Aber seit dem Ipad spürt er seine Prothese kaum noch, weil das Ipad beinahe organisch mit seinem Nutzer verwachsen ist und sich spielend leicht bedienen lässt. Selbst das schreckliche Krankheits-Martyrium von Steve Jobs beglaubigt derzeit seine Stellung als Messias der Internetwelt.

In einer virtuellen Welt in der ein Gott, ein Messias und seine Jünger entstehen oder „produziert“ werden, darf auch der heilige Geist der Gemeinschaft nicht fehlen. Und der wird derzeit vor allem von Facebook in flammendem missionarischem Eifer vorangetrieben. Auf Facebook erwacht das religiöse Ideal einer weltumspannenden Brüder- und Schwesterngemeinde. Einer Gemeinschaft, wo sich alle mögen und zuposten, wo in täglichen Hirtenbriefen Gefallens- und Glaubenbotschaften ausgetauscht oder Befindlichkeits-Details und kleine Sünden gebeichtet werden. Eine Gemeinschaft in der nicht das Individuum, sondern das Kollektiv „schillert“ und gemeinsam die Ode an die Freuden des Internets anstimmt.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Markt- und Kulturforscher.

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