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Kolumne Am Waffentresen

Joe verkauft Revolver und Gewehre in Montana. Und träumt davon, seinem Baby das Schießen beizubringen.

Joe ist 29. Freundlich und blass, mit Brille und Bart. Verkäufer bei Bob Ward and Sons, einem Outdoor-Geschäft im US-Bundesstaat Montana. Vor ihm, in einem ewig langen Glastresen, funkeln Hunderte Pistolen und Revolver. Im Regal dahinter steht ein Bürgerkriegs-Arsenal von Flinten und Gewehren. Sogar eine Kalaschnikow. „Das steckt tief in unserer Kultur“, sagt er. Joe will, dass ich verstehe. Heute im Sonderangebot: Sig Saur und Heckler&Koch.

Waffen = Grundrecht + Lifestyle. In Montana dürfen schon 14-Jährige Schießgerät paradieren, im Beisein der Eltern. Mit 18 kann man so ziemlich jedes Gewehr kaufen. Ohne Lizenz, ohne Registrierung. Drei Jahre vor dem ersten Bier. Joe stammt vom Dorf. Die Haustür war nie abgeschlossen, das Heim voller Waffen. Man saß beim Abendbrot und plauderte über die Artillerie. Die Männer reichten stolz die neuesten Anschaffungen herum. Dann gingen sie hinters Haus. „Irgendein Verwandter stand immer auf dem Hof und schoss.“

Auf seinem Verkaufstresen liegt ein enormes Schießeisen – wohl einen Meter lang. „Colt AR-15“, erklärt Joe. „Eher Standard hier. Habe ich auch zu Hause – zum Schutz.“ Falls mal ein Dieb kommt, ja. Sowas würde ihn richtig „verrückt“ machen. Alle in seiner Familie. „Versuche nicht, meinen Onkel auszurauben.“ Er blickt mich warnend an. „Das wird nicht funktionieren.“ Oder seine Schwester. „Die ist so klein“ – er lässt die Rechte vor seiner Brust schweben. „Aber sie hat immer eine Glock dabei. Wenn die glaubt, sie sei in Gefahr, bringt sie dich um.“ Er guckt fast ein bisschen besorgt.

Mehr als 300 Millionen Schusswaffen gibt es in den USA – die vom Militär nicht mitgerechnet. Jeden Tag werden an die 30 US-Bürger mit ihnen ermordet. Weit mehr noch erschießen sich selbst. Dazu die Unfälle. Etwa 32 000 Menschen sterben hier pro Jahr durch Feuerwaffen. Seit 1968 kamen so im Alltag mehr US-Amerikaner zu Tode als in den vielen Kriegen seit der Unabhängigkeit.

„Ihr in Europa ruft lieber die Polizei“, sagt Joe. „Wir wollen einfach nicht Opfer sein. Wir verteidigen uns.“ Wobei man, er guckt jetzt tiefernst, „eine große, große Verantwortung hat.“ Dies sagt er auch den Kunden: „Du musst schon kapieren, dass du, wenn der Hund deines Nachbarn auf deinen Rasen kackt, nicht einfach rausgehen und den Typen umbringen kannst.“ Manche sagen da: „Naja, dann lieber nicht.“ Und die hohe Kriminalität? „Eine Schande“, findet Joe. In den Großstädten hätten die Bösen Waffen – und die Guten nicht. Die Lösung? Mehr Waffen. „Wenn sich alle ehrlichen Bürger eine kaufen würde, ja dann…“ Wie im Irak. Da müsse man das Böse auch „ständig in Schach halten“.

Joe war vier Jahre im Irak. „Ein Drecksloch“, stöhnt er. Langweilig obendrein. „Ich wollte ein Feuergefecht. Ich wollte nach Afghanistan. Unbedingt. Ich hatte gehört, das sei der Wilde Westen.“ Aber die Knie waren nicht in Ordnung. „Ich habe gefleht und gebettelt.“ Er durfte nicht.

Dabei kannte er schon mit 13 jedes Gewehr. Er lächelt. So soll es bleiben. „Meine Frau ist schwanger, wir haben bald ein Baby. Wenn das Kind laufen kann, wird es wissen, was eine Waffe ist. Wenn es alt genug ist, werde ich mich hinsetzen und ihm zeigen, wie Waffen funktionieren – ihr Innenleben, ihre Mechanik, das ganze Zeugs. Wenn es 13, 14 ist,“ – Joe nickt – „wird es verantwortlich damit schießen.“

Tom Schimmeck ist Autor.

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