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Heinrich Böll zum 25. Todestag Der Unbestechliche

Wie tot ist Heinrich Böll? war die wohl feinsinnigste Überschrift zu seinem 25.Todestag. Seine unbestechliche Haltung ist überraschend aktuell, soweit dieser Zustand in unserem Anything-goes-Konsens überhaupt noch Platz findet. Als Chance, dem alltäglichen Wahnsinn zu trotzen.

Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker. Foto: FR

Wie tot ist Heinrich Böll? war die wohl feinsinnigste Überschrift zu seinem 25. Todestag. Nicht das Ob steht hier in Frage, sondern nur noch das Wie. Eine Woche später, nachdem alle Messen mehr oder weniger pflichtgemäß gelesen und Gutmensch-Arien gesungen sind, als hätte er nicht mehrfach geäußert: „Ich will nicht euer guter Heinrich sein!“, nach all den Nachrufen noch einige persönliche Anmerkungen.

„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“ Flammender Appell des CDU-Fraktionsvorsitzenden Karl Carstens vom 12. Dezember 1974. Einer jener unvergessenen, vor Unkenntnis, gar Dummheit strotzenden Sätze aus der Zeit des Deutschen Herbstes.

Als mich Heinrich Böll seinerzeit fragte, ob ich daraus ein Plakat machen könne, war ich erst einmal ratlos. Denn plakativ war dieser Bandwurmsatz nun wirklich nicht. Es galt also ein Bild zu finden, das auf jene Irrungen und Wirrungen neugierig machte: Prof. Carstens reitet für Deutschland, als Herrenreiter auf einer schwarz-bunten deutschen Kuh!

Sanftmut und heiliger Zorn

Vielleicht war es diese ihm eigene Mischung aus Sanftmut und heiligem Zorn, mit der Böll beharrlich das Demokratische anmahnte, die katholische Kirche sowie nur oberflächlich gewendete Altnazis attackierte, sich für Frieden, Dissidenten in der Sowjetunion und alle Benachteiligten einsetzte und so die Giftpfeile auch der Bild-Zeitung auf sich zog. Als Initiator des Aufrufs „Wir schreiben nicht für Springer-Zeitungen“ war die Trennlinie deutlich markiert. Gemessen an seinen zahlreichen politischen Eingriffen, muss er vielen Nachgeborenen wie „aus der Zeit gefallen“ vorkommen.

Die L’art-pour-l’art-Fraktion nahm schon immer übel, wenn sich Künstler politisch engagierten. Da setzt man sich schnell dem Verdacht aus, dass es mit der Kunst nicht allzu weit her sein könne, wenn jemand auch noch Klartext redet und sich sogar danach verhält. Das gilt erst recht für all die Pfadfinder auf der Suche nach der Innerlichkeit, das dumpf wabernde ICH fest im Visier. Und straferschwerend kommt hinzu, wenn sich einer zu Recht eine große Volksnähe vorwerfen lassen muss.

In einigen Nachrufen klang immerhin leise an, dass jemand wie Böll heute doch irgendwie fehle, noch gebraucht würde in unserer intellektuell eher weichgespülten Wohlfühlgesellschaft. Jemand, der zur richtigen Zeit das Richtige sagt in Zeiten bedrohlich anschwellender Rat- und Mutlosigkeit. Gleich, ob jene, die es angeht, nun hinhören wollen oder nicht. So sehr derlei Klage Böll auch späte Anerkennung zollt, sie wird uns wenig helfen. Wir können nicht weiter „Warten auf Godot“ spielen. Es gilt, Verantwortung zu übernehmen. Jetzt, nicht irgendwann.

Bölls unbestechliche Haltung ist wieder überraschend aktuell, soweit dieser Zustand in unserem Anything-goes-Konsens überhaupt noch einen Platz findet. Jedenfalls als Chance, dem alltäglichen Wahnsinn zu trotzen. Möglicherweise sogar mit Aussicht auf Erfolg als Antwort auf die große Resignation, gepaart von einer ignoranten Sorglosigkeit.

Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker.

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