Lade Inhalte...

Woanders gelesen Zwei Solisten, ein Paar

Jüdische Miniaturen erzählt Geschichten, die es in sich haben.

Das Bändchen ist 85 Gramm leicht, so wie jeder der 230 in der Reihe Jüdische Miniaturen erschienenen Titel. Die Nummer 223 stellt Lilli Nachama, geborene Schlochauer und ihren Mann Estrongo Nachama vor. Letzterer ist als Oberkantor der Jüdischen Gemeinde Berlin wohlbekannt, von Lilli weiß man weniger. Dabei hat es auch ihre Biografie in sich, eine Berliner Geschichte, einschließlich der zwölf Jahre von 1933 bis 1945. 

Die Schlochauers führten ein Unterwäschegeschäft, Damen und Herren, mit eigener Produktion, Firmensitz am Hausvogteiplatz. Als Lilli am 5. Juli 1922 geboren wurde, gehörten die Schlochauers zur feinen Gesellschaft Berlins. Der Machtantritt der Nazis traf sie so hart wie Tausende jüdische Familien der Stadt: Die Firma ging unter, der Vater nahm sich 1938 das Leben, Lilli wurde Zwangsarbeiterin bei Siemens, entkam knapp der Deportation, tauchte unter. 

In jener Zeit sang der griechische Jude Estrongo Nachama in Auschwitz um sein Leben. Seine Familie wurde vernichtet, ihn rettete sein eindrucksvoller Bariton. Im Januar 1945 überlebte er den Todesmarsch nach Sachsenhausen, dort musste er Leichen ins Krematorium schieben. Auf dem nächsten Todesmarsch Richtung Schwerin befreite ihn die Rote Armee – am 4. Mai, seinem Geburtstag, mit einem Gewicht von 35 Kilo, an Typhus erkrankt. Er bleibt in Berlin.

Es dauerte zehn Jahre Bekanntschaft, ehe es zwischen der höheren Tochter und dem anfangs noch abgerissenen Fremden funkte, doch dann wurde ein langes Leben als Duo daraus, nicht frei von Dramen und Traumata: „Zwei Solisten, ein Paar“, so lautet denn auch der Untertitel des wunderbaren Büchleins. Herrmann Simon hat es, wie die vielen anderen Bände herausgegeben.

Knapp, auf Wesentliches wie Unterhaltsames, fokussiert, weitet gerade der Nachama-Band den Blick auf das politische Umfeld, die Verwerfungen – im geteilten Berlin und im wieder vereinten. 
Der Stoff für neue Miniaturen geht nicht aus. Im Druck: Kurt Singer, demnächst folgt Felix Mendelssohn. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen