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Woanders gelesen Zurück nach vorn

Der Historiker Judt hat immer für einen starken Staat plädiert.

Der 1948 in London geborene Tony Judt war einer der bedeutendsten Historiker des 20. Jahrhunderts. Er starb 2010. „Was ist lebendig und was ist tot an der Sozialdemokratie?“ war sein letzter Vortrag. Er hielt ihn am 19. Oktober 2009 an der New York University. Man findet ihn in seiner Essaysammlung „Wenn sich die Fakten ändern“. 

Judt erinnert daran, dass Keynesianismus und Neoliberalismus beides Antworten auf die Erfahrung des Zusammenbruchs nach dem Ersten Weltkrieg sind. Die Schöpfer des Neoliberalismus sahen die Ursache für den Untergang der „Welt von gestern“ darin, dass dem Staat zu viel Macht zugestanden worden sei. Von rechts wie von links. Ihr Rezept gegen den Zusammenbruch war also die Zurückdrängung des Staates auch durch weitgehende Privatisierung staatlicher Aufgaben.

Diese Theorie musste Jahrzehnte darauf warten, politische Praxis zu werden. Zunächst war der starke Staat angesagt, im Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zum Siegeszug des sozialdemokratischen Gedankens.

Mit US-Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher begann ein Rollback. Die Ungleichheit, die in den Jahrzehnten davor in den westlichen Industrieländern abgenommen hatte, nahm wieder zu. 2009, so Judt, sei sie in den USA kaum weniger groß als in China. Was tun?

Judt hat keine Antwort, aber er warnt:     „Der Staat wird nicht einfach verschwinden. Selbst wenn wir ihm alle Dienstleistungen wegnehmen, wird es ihn weiterhin geben – als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument. Zwischen Staat und Individuen gibt es dann keine Vermittlungsinstanzen, keine Bindungen mehr. Von dem auf Gegenseitigkeit beruhenden sozialen Netzwerk, das die Bürger miteinander verbindet, wäre nichts mehr übrig. Es blieben nur noch Privatpersonen und Unternehmen, die den Staat zu ihrem eigenen Vorteil kapern.“ 

Die Berlusconis und Trumps können nur in einer Gesellschaft gewinnen, die sich aufgegeben hat. Für Judt war Sozialdemokratie als Haltung gewissermaßen das Medium, in dem die Nachkriegsgesellschaft nicht nur ihrer selbst bewusst wurde, sondern sich auch zu organisieren verstand. Davon konnte er 2009 nichts mehr erkennen. Aber er hoffte noch. Fast zehn Jahre später scheint auch die Hoffnung zerstoben.

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