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Widerstand und Verrat Unterwandert

Hans Schafranek beschreibt, wie Nazis den Widerstand bekämpften.

Im Frühjahr 1941 hatte die Gestapo zwei V-Leute in eine der wichtigsten kommunistischen Widerstandsgruppen in Berlin eingeschleust, dem Netzwerk um Robert Uhrig und Alfred Kowalke. Willi Becker (V-Mann „Theo“) und Hans Kurz („Hans“) gelang es in der Folgezeit, bis in den engsten Zirkel der Gruppe vorzudringen. Am 4. Februar 1942 schlug die Gestapo zu. Mindestens 170 Personen aus der Uhrig-Gruppe wurden an diesem und den folgenden Tagen verhaftet, darunter auch der ehemalige Ringer und Olympiateilnehmer Werner Seelenbinder. Mehr als ein Viertel der Verschwörer wurde später hingerichtet, zwölf weitere starben in Konzentrationslagern, 19 kamen bei Verhören unter der Folter zu Tode.

Der Schlag gegen die Uhrig-Gruppe ist ein Beispiel von vielen für das Vorgehen der NS gegen Widerstandsgruppen aus allen politischen Lagern, die der Wiener Historiker Hans Schafranek in „Widerstand und Verrat“ beschreibt. Er schildert in einer Fülle von Beispielen, wie die V-Leute bestehende Konflikte innerhalb der Widerstandsbewegung gezielt anheizten, um auf diese Weise rivalisierende Gruppen zu demoralisieren und politisch zu schwächen. Andere wiederum agierten als Agent provocateur, die Gruppen radikalisieren und zu Terrorakten anstiften wollten, um den politischen Widerstand gegen das NS-Regime zu diskreditieren.

Wie viele V-Leute für die Gestapo im politischen Untergrund operierten, lässt sich demnach nicht mehr rekonstruieren. Nur einzelne Zahlen sind überliefert: Die Gestapoleitstelle Nürnberg etwa konnte auf 80 bis 100 V-Leute zurückgreifen, in Frankfurt am Main gar auf 1 200.

Eine Motivation für die Zusammenarbeit sei das Geld gewesen, wie der Autor schreibt. So erhielten V-Leute ein festes monatliches Salär, wobei die Entlohnung regional unterschiedlich war. Während etwa die Zuträger in Berlin monatlich mit bis 160 Reichsmark abgespeist wurden, konnten die Spitzel in Wien mit bis 500 Reichsmark rechnen. Das habe vor allem in Österreich prominente sozialistische Politiker und Spitzenfunktionäre der KPÖ angelockt, die laut Schafranek „reihenweise im Sold der Gestapo standen“.

Die Fülle an Informationen und die Detailverliebtheit des Autors machen sein Buch nicht zu einer leichten Lektüre. Aber es hat das Zeug zum Standardwerk in einem bislang vernachlässigten Themengebiet der Forschung.

Hans Schafranek: „Widerstand und Verrat“, Czernin-Verlag, 504 Seiten, 29,90 Euro.

 

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