Lade Inhalte...

Migration und Philosophie

Was Intellektuelle über die Flüchtlingsfrage denken.

Wer die Suchmaschine seiner Wahl mit der Frage „Was tun?“ befüttert, landet noch vor den praktischen Vorschlägen gegen Langeweile, Halsschmerzen und Verstopfung bei Lenins programmatischer Schrift aus dem Jahr 1902, die diesen Titel trägt. Wenn nun das „Philosophie Magazin“ 27 Denker, Soziologen und Geisteswissenschaftler mit der großen Frage zur Flüchtlingskrise behelligt, kommt ein bunter Strauß an Assoziationen, Unterscheidungen, Wünschen und ambitionierten Spekulationen heraus, Widersprüche und Irritationen inklusive.

Der Berliner Philosoph Gunter Gebauer hebt die für eine gelingende Integration notwendige Identität einer Gesellschaft hervor. Wer andere bei sich aufnehmen will, sollte eine Vorstellung von sich selbst haben. Eine selbstbewusst vertretene Landesidentität gebe Anforderungen an Verhalten und Lebensweise vor. Aber kann es eine gefestigte Identität geben ohne ein Verständnis für deren Prozesscharakter?Eine Politik der permanenten Grenzziehung werde den Zugang von Neuankömmlingen erschweren, so Gebauer. Was wir aber brauchten, sei eine Integration im Sinne eines fairen Aushandlungsprozesses.

Der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hält nichts von einer deutschen Leitkultur. Er plädiert für eine alltäglich praktizierte Leitkultur der Humanität, des wechselseitigen Respekts und der Akzeptanz von weltanschaulichen und kulturellen Unterschieden.

Wem das zu blumig-abstrakt ist, der mag sich an den nüchternen Realismus des Gießener Soziologen Claus Leggewie halten: „Masseneinwanderung ist die neue Wirklichkeit. Sie wird heftig und gelegentlich auch zum Verzweifeln sein. Aber es bleibt dabei: Dies gibt Europa, dessen politische Union schon in Scherben zu liegen scheint, die Chance zum Austritt aus seiner Müdigkeit und Zerrissenheit.“

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken erhofft sich gar mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse Positives: „Sollten wir nicht hoffen, dass die neuen Männer, seien es Syrer oder Araber, wie die Italiener, die ins Land kamen, ihren Frauenkult mitbringen und altdeutsche Ängste beschämen, bezwingen?“ Feministinnen und Feministen dürften da ein paar Einwände erheben.

Insgesamt machen die Antworten deutlich, dass auch dieses Zukunftsthema in den Koordinaten bekannter Ideologien verläuft. Der Philosoph Armen Avanessian etwa hat herausgefunden, dass der globale Kapitalismus an allem schuld ist. Das musste wohl noch gesagt werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen