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Für Sie gelesen Zuwanderung als Chance

Migrationsforscher Bade blickt auf sein Wirken zurück.

Manchmal muss man sich wundern, wie lange es dauert, bis eine Erkenntnis in der Öffentlichkeit wirklich ankommt. Vor 26 Jahren wurde in der Frankfurter Rundschau ein „Aufruf zur Asyldebatte“ veröffentlicht, der so erstaunlich aktuell wirkt. „Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland, aber ein attraktives Ziel für Wanderungen aus allen Regionen der Welt“, hieß es damals. „In dieser Situation ist es falsch, nur in Kategorien der Abwehr zu denken.“

Zu den Autoren zählte, neben anderen Größen der Sozialwissenschaft, der Migrationsforscher Klaus J. Bade. Der Historiker wird demnächst 73 Jahre alt und blickt auf ein ertragreiches Wissenschaftlerleben zurück, das sich in einem entscheidenden Punkt von dem vieler Kollegen unterscheidet: Bade hat jahrzehntelang nicht nur publiziert, sondern engagiert in die öffentliche Debatte und die politische Gestaltung eingegriffen, ohne seine kritische Perspektive je aufzugeben.

Jetzt hat der emeritierte Professor eine Bilanz seines Wirkens vorgelegt. Auf 500 der 650 Seiten sind Beiträge, Manifeste und Interviews nachgedruckt – wie jener „Aufruf zur Asyldebatte“. Bei der Lektüre findet man viele Stellen, in denen Bade schon vor Jahrzehnten Schwachstellen der Migrationspolitik deutlich gemacht hat, die heute noch gelten.

Wenn sich nun SPD und Grüne anschicken, im Bundestagswahlkampf für Punktesysteme zur gezielten Einwanderung zu werben, stand Bade schon vor Jahrzehnten für diesen Gedanken Pate. Er schildert, wie die Idee in der rot-grünen Koalition unter dem damaligen Innenminister Otto Schily (SPD) zerrieben wurde. Man kann das durchaus als Warnung an künftige Regierungskoalitionen lesen, sich besser auf die Abwehrdebatte vorzubereiten.

In politischer Hinsicht war Bades wichtigstes Amt die Mitgliedschaft im „Zuwanderungsrat“ der rot-grünen Bundesregierung. Doch dieses Gremium wurde erst entmachtet und dann, wie Bade in seinem bitter-süffisanten Ton schreibt „über Weihnachten 2004 (…) ohne Presseerklärung still abgeschaltet“.

Bade, der von seinem Verlag nicht zu Unrecht als „Begründer der modernen Historischen Migrationsforschung in Deutschland“ bezeichnet wird, hat sich stets dafür eingesetzt, ganz rational die Vorteile von Zuwanderung für Deutschland herauszuarbeiten. Zuwanderung wird nach wie vor als Bedrohung empfunden“, sagte er vor gut zehn Jahren in einem FR-Interview, das er ebenfalls in den Band aufgenommen hat. „Dabei ist sie eine Chance.“

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