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Für Sie gelesen Tätige Neugierde

Einer, der genau hinsehen und hnhören konnte: Heinrich Bölls Besuch in Prag während des sowjetischen Einmarschs.

Am Abend des 20. August 1968 trafen Annemarie (1910–2004) und Heinrich Böll (1917–1985) zusammen mit ihrem Sohn René in Prag ein. Der spätere Literaturnobelpreisträger war vom tschechoslowakischen Schriftstellerverband eingeladen worden. Am nächsten Morgen erwachte die Familie, weil an ihre Hoteltür geklopft wurde: „Wir sind besetzt!“ Bis zum 25. August blieben die Bölls in Prag, sahen die Panzer, sprachen mit Schriftstellern und Intellektuellen, mit Menschen in den Straßen und Restaurants.

René Böll, geboren im Juli 1948, hat jetzt einen eindrucksvollen Band über Heinrich Böll und das Ende des Prager Frühlings zusammengestellt. Der bietet neben Bölls damals veröffentlichten Texten und Interviews auch nicht veröffentlichte Aufzeichnungen und eine Reihe von Beiträgen über all das. Vor allem aber mehr als 70 Schwarz-Weiß-Fotos, die nicht nur Manuskriptseiten Bölls oder Flugblätter von damals, sondern auch die russischen Panzer in den Straßen Prags zeigen.

Im August schlug die Sowjetunion den Versuch nieder, einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht – so eine der Parolen damals – zu errichten. Zwanzig Jahre später stand sie dann selber vor ihrem Ende.

In einem Interview mit der Zeitschrift „Literární Listy“ erklärte Heinrich Böll am 24. August 1968: „Ihr wart eine große Hoffnung vor allem für unsere Intellektuellen, Atheisten, Christen, Liberale, denn ihr habt seit Januar bewiesen, dass ein strenges, doktrinäres System ohne Gewaltanwendung reformiert werden kann – aus Impulsen der regierenden Partei. Da auch wir in einem erstarrten System leben, kann das, was hier in diesen acht Monaten verwirklicht wurde, auch unser Modell bleiben.“

Vielleicht war Heinrich Böll stur – oder sagen wir: beharrlich. Ein Doktrinär war er nicht. Er war die paar Tage und Nächte in Prag fast dauernd unterwegs. Er wollte wissen, was los ist, was die Menschen tun und was sie denken.

Wer den Band liest, dem teilt sich etwas mit von Bölls tätiger Neugierde, von seinem Vermögen, zuzuhören und hinzuschauen.

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