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Für Sie gelesen Schwindende Wunderwelt

Insekten werden auf der ganzen Welt verfolgt und ausgerottet. Mario Markus lenkt den Blick darauf.

Wildbienen im Anflug. Foto: dpa

Insekten nerven: Mücken verderben den Sommerabend auf der Terrasse, Wespen den Genuss des Sonntagskuchens. Prozessionsspinner fressen Eichen kahl, Heuschrecken vernichten wie Rapsglanzkäfer Ernten. Doch Prachtkäfer, Uraniafalter oder Orchideenbiene faszinieren, und zwar auch die Forscher: Von Stabschrecken haben sie den Mechanismus abgeguckt, der Roboter laufen lässt.

Die Klimatechnik in Termitenbauten kopierten sie beim Bau von Hochhäusern. Spinnen und Käfer dienen als Vorbild bei der Entwicklung von Fasern, Garnen und Seilen, von Farben und Kunststoffen und helfen, die Solartechnologie effizienter zu machen: Tüftler des Fraunhofer-Instituts in Würzburg untersuchten die Funktionsweise von Nachtfalteraugen und konnten daraufhin die Effizienz mindernde Reflexion von Licht auf der Oberfläche von Solarzellen fast völlig ausschalten.

Doch Insekten werden auf der ganzen Welt verfolgt und ausgerottet. Etwa der Fächerkäfer Macrosiagon tricuspidatum. Der hilft die Zahl lästiger Wespen zu reduzieren, doch ist selbst Opfer menschlicher Attacken. Sein rapider Rückgang steht für den Schwund einer Tiergruppe, von der es um die 30 Millionen Arten gibt – gerade eine Million davon ist beschrieben. Diese eine Million (Spinnen und Krebse mit eingerechnet) steht für mehr als 60 Prozent der bekannten Arten. Ihr enormer Anteil am Artenspektrum der Erde zeigt, wie viel den Insekten am „reibungslosen und erfolgreichen Zusammenspiel der Arten . . . zu verdanken ist“. Das schreibt Mario Markus, der sein jüngstes Buch mit einer Frage übertitelt hat: „Unsere Welt ohne Insekten? Ein Teil der Natur verschwindet.“

Markus, eigentlich Physiker, liefert dutzendweise Indizien dafür, dass der Mensch viel stärker vom Lebensgefüge mit den Insekten abhängt, als ihm das lieb ist. Denn Insekten sind Teil einer Lebensgemeinschaft, die in steter Wechselwirkung mit uns steht: Gäbe es keine Insekten, dann fielen nicht nur die Ernten mangels Bestäubung mickrig aus, sondern wir würden auch in Müll ersticken, weil es keine Käfer mehr gäbe, die Fäkalien und tote Materie zersetzen.

Mario Markus empfindet „tiefen Schmerz“, dass viele Insektenarten durch die fatale Wirkung der „modernen“ Landwirtschaft verschwinden. Es kränke ihn aber auch, erzählt der Autor, dass dies den meisten seiner Bekannten schlicht egal sei. Sie „freuen sich, wenn ihnen kein Insekt über den Weg läuft, ohne zu wissen, dass sie das Fenster zu einer Wunderwelt verschlossen halten“.

Stephan Börnecke ist freier Autor und Experte für Umwelt-Themen.

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