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Für Sie gelesen Rudis religiöse Scham

Über das Beschweigen über die Vergangenheit und die Tabus der Revolutionäre: Die bemerkenswerten Erinnerungen der Gretchen Dutschke.

Die im März 1942 in Oak Park, Illinois geborene Gretchen Dutschke war von 1966 bis zu seinem Tode mit dem einflussreichsten Sprecher der deutschen 68er-Bewegung, Rudi Dutschke (1940–1979), verheiratet. Nach seinem Tod ging sie zusammen mit den Kindern zurück in die USA. Seit 2010 lebt sie wieder in Berlin. Im März erschien ihr neuestes Buch: „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“. Das „dürfen“ im Titel hielt mich erst davon ab, das Buch zu lesen. Ein Fehler.

Von hoher Komik ist der Liebesbrief, mit dem Dutschke seine Freundin, die wieder in die Staaten gefahren war, zurück nach Berlin lockte. Er erklärte, es sei natürlich ihre Entscheidung, ob sie zurückkommen wolle, er habe jedenfalls nichts dagegen, wenn sie das täte. „Das war nicht gerade eine euphorische Liebeserklärung – trotzdem packte ich meine Sachen.“ Wen Persönliches interessiert – und 68 hat uns auch darüber belehrt, dass auch Persönliches politisch ist –, der findet hier viele eindrückliche Geschichten.

Eine andere Passage macht die Ambivalenz von 68 deutlich: „Vielleicht war dieses Engagement für die Revolution seine Art, mit den ungeheuren Verbrechen der Naziherrschaft umzugehen. Was geschehen war, ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Doch er sah die Möglichkeit, durch eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich ein derartiger Zivilisationsbruch nie mehr ereignen kann. Um aber genau dies zu erreichen, so sein Gedanke, dürfe man sich nicht allzu sehr in die Schreckensgeschichte des Holocaust vertiefen.“

Zwei Seiten weiter zitiert Gretchen Dutschke ihren Mann: „Meine christliche Scham über das Geschehene war so groß, dass ich es ablehnte, weitere Beweisdokumente zu lesen.“

Die Revolution war auch eine Flucht. Vor der Auseinandersetzung mit den realen Verbrechen der Eltern. Mehr als mit diesen beschäftigte man sich 68 mit Faschismus- und noch mehr mit Revolutionstheorien. Der Weg führte von Anne Frank zu Che Guevara. Für Stauffenberg, die Scholls oder gar Georg Elser war da wenig Platz.

Alle Kritik daran ist berechtigt. Das von Dutschke angeführte Motiv der „christlichen Scham“ wirkt auf mich wenig überzeugend. Desto interessanter ist seine Überzeugung, die schmerzvolle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit würde der Protestbewegung ihren Schwung, ihren Optimismus nehmen. Die Vätergeneration hatte sich mit einer ganz ähnlichen Argumentation und, wichtiger noch, mit der gleichen Empfindung auf den Wiederaufbau gestürzt, wie das jetzt die 68er oder doch Rudi Dutschke taten als sie sich an die „Rekonstruktion revolutionärer Theorie“ machten. Aber das ist nur eine Stelle von vielen sehr lesenswerten in Gretchen Dutschkes Buch. 

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