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Für Sie gelesen Irre entschlossen

Wie der bekannteste 68er mit abstrusen Thesen Tausende begeisterte.

Der Wagenbach-Verlag bringt unter der Überschrift „1968 – Politik ist lesbar“ eine Reihe alter Texte aus den Jahren um 1968 heraus. Von Peter Brückner, Peter Schneider, Ulrike Meinhof. Das ist eine Chance nachzulesen, wie unlesbar vieles von dem war, was damals geschrieben wurde.

Ein besonders abschreckendes Beispiel sind die Reden von Rudi Dutschke. Man muss sich auf Youtube seine Stimme vorspielen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie diese abstrakte, ganz und gar unsinnliche Schrift von dieser Stimme beatmet wurde, wie er den bürokratischsten Wendungen eine Energie einspeiste, die für einige wenige Monate in Deutschland Massen ergriff, Geschichte machte.

Wer heute seine Rede auf dem Vietnam-Kongress in Berlin im Februar 1968 liest, wird erschrecken. Die chinesischen Massen, so Dutschke, erkämpften „wirkliche sozial-ökonomische Unabhängigkeit“. Die NPD und ihre Erfolge schiebt er mit einer Handbewegung beiseite. „Der heutige Faschismus … liegt im bestehenden System der Institutionen.“ Und die sind nicht mehr in der Lage, die Massen zu mobilisieren. „Ganz im Gegensatz dazu ist es uns revolutionären Sozialisten heute in der Bundesrepublik möglich geworden, durch ein System der systematischen Vermittlung von Aufklärung und Aktion eine durchaus schon massenhafte Mobilisierung zu erreichen.“

Ein halbes Jahr zuvor hatte Dutschke in Hannover gegen einen der Kritiker der SDS-Argumentationen ausgeführt: „Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben einen Prozesspunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist. Alles hängt vom bewussten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewusst zu machen, sie zu kontrollieren, sich zu unterwerfen, das heißt, Professor Habermas, Ihr begriffsloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt.“

Die Argumentation ist komplett irre: Habermas hindert die Menschen daran, Revolution zu machen. Ohne ihn wären sie so weit, sich die Geschichte „zu unterwerfen“. Blickt man aber in die Sätze hinein, hört, wie Zitate skandiert und aufeinandergetürmt werden, dann spürt man den Willen, die Entschlossenheit, etwas zu tun. Man weiß nicht, wozu und man weiß nicht was. Aber der Einschub an Habermas steht da wie ein Sprungbrett, von dem aus der Redner noch einmal weiter vorstößt in eine Welt, von der man kaum zu träumen wagt.

Interessant ist, dass nicht von dem sich emanzipierenden, sondern dem zu emanzipierenden Subjekt die Rede ist. Dadurch wird es zum Objekt seiner Emanzipierer gemacht. Die, also Dutschke & Co., sind die wahren Subjekte. Vielleicht nicht objektiv, aber weil sie es wollen.

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