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Für Sie gelesen Die neuen Schamanen

Barbara Ehrenreich nimmt Rituale gegen das Altwerden aufs Korn: Ein Trip durch die Illusionsfabriken unserer Zeit.

Barbara Ehrenreich wird im August 77. Sie hat ein abgeschlossenes Physik- und ein abgeschlossenes Biologiestudium, ein Leben als eine der angesehensten politischen Essayistinnen der USA und zwanzig Bücher hinter sich. Auf Deutsch ist gerade erschienen „Wollen wir ewig leben? Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle“.

Es ist ein Trip durch die Illusionsfabriken, die uns weismachen wollen, ein richtiges Leben führte am Tode vorbei. Oder zögerte ihn doch so weit hinaus, bis wir ihn freudig umarmen. Das geht natürlich nicht ohne Lacher ab. Sie hat selbst gründlich genug als Wissenschaftlerin gearbeitet, um sich nicht zufriedenzugeben, wenn es heißt, diese oder jene Maßnahme sei Ergebnis wissenschaftlicher Forschung.

Barbara Ehrenreich schreibt: „Das ganze Sammelsurium von Prozeduren, die zum ‚jährlichen Gesundheitscheck‘ gehören, kann man als Ritual betrachten.“ Zu den Ritualen gehören Schamanen mit ihrem geheimen Wissen: „Noch Mitte des 20. Jahrhunderts hatte kaum eine Frau, zumindest keine heterosexuelle Nichtmedizinerin, jemals ihre eigenen Genitalien oder die einer andern Frau gesehen, weil dieses Gebiet – auch ‚da unten‘ genannt – dem Arzt vorbehalten blieb.“

Als die ersten Frauengruppen sich ein Spekulum schnappten und selbst nachschauten, meldeten sich empörte Ärzte. Ein Argument war, ein Spekulum in Laienhand sei wohl kaum steril. Eine Feministin „erwiderte, natürlich solle alles, was in die Vagina eingeführt werde, zuvor mindestens zehn Minuten abgekocht werden“.

Menschen über 55 Jahre sind die am schnellsten wachsende Gruppe unter den Fitness-Club-Mitgliedern. Keine Ahnung, ob das in Deutschland auch schon so ist. Wird bei uns auch mit so großartigen Sprüchen geworben wie „Ab fünfzig haben Sie einfach nicht mehr die Wahl – entweder Sie trainieren oder Sie werden alt“? Je älter die Menschen werden, desto mehr wird Altern als eine Art Krankheit betrachtet. Dieser Unsinn erzeugt inzwischen ganze Berufsstände.

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