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Für sie gelesen Anleitung zum Chaos

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky hat ein denkwürdiges, 100 Jahre altes Strategiepapier herausgegeben. Es wirkt höchst aktuell.

Es ist ungewöhnlich, wenn der Herausgeber eines historischen Textes in seinem Vorwort dem Leser empfiehlt, es sich für die Lektüre in seinem Lieblingssessel bei Tee und Portwein gemütlich zu machen. Aber man solle sich ja auch vorstellen – so hätte es der Herausgeber gern – „dass man nicht der Leser Karl Mustermann ist, sondern der deutsche Kaiser, der im Ersten Weltkrieg gerade so richtig feststeckt. Drei Monate nach Ausbruch des Krieges ist der deutsche Angriff ins Stocken geraten. Da greift der Kaiser – also Sie, der Leser – zu einer Denkschrift, in der Max Freiherr von Oppenheim ein Szenario entwirft, mit dem der Weltkrieg binnen zwei Jahren zu gewinnen sei.“

Oppenheim war zu jener Zeit ein angesehener Nahostexperte, der 1914 ins Auswärtige Amt gewechselt war. Zuvor hatte er ein knapp einhundert Seiten starkes Strategiepapier verfasst: „Die Revolutionierung der islamischen Gebiete unseres Feindes“. 

Das Manuskript, das der Schriftsteller Steffen Kopetzky jetzt erstmals editiert hat, skizziert den Plan eines Dschihad Made in Germany, der Deutschlands Kriegsgegner entscheidend schwächen soll. Das Kaiserreich sollte mit viel Geld arabische, persische und afghanische Muslime zum Heiligen Krieg aufhetzen. Ziel war eine vereinigte muslimische Front, die den Briten in Indien in den Rücken fällt. 

Oppenheims Papier ist ein frühes Dokument jener intellektuellen Skrupellosigkeit, mit der auch heutige Think tanks Regierungen in Kriege und die Welt ins Chaos stürzen. Detailliert beschreibt der Orientalist, wie sein kühner Plan umgesetzt werden kann. Damit hat er ein – geradezu tagesaktuell wirkendes – Handbuch des Terrors verfasst. Es enthält Anleitungen für Waffenschmuggel, für Brandanschläge und für den Einsatz gefälschter Nachrichten zur Manipulierung der öffentlichen Meinung. 

2015 hatte Kopetzky in seinem historischen Roman „Risiko“ die letztlich gescheiterte Umsetzung des irrwitzigen Dschihad-Plans nacherzählt. Bei seinen Recherchen zu dem Buch war er auf das Oppenheim-Manuskript gestoßen. Dass er es nun publiziert, will Kopetzky nicht nur als Nachhilfe in deutscher Geschichte verstanden wissen. 

Oppenheim habe, so schreibt es der Schriftsteller in seinem ebenso launigen wie klugen Nachwort, als erster freimütig aufgezeigt, wie man „die Sollbruchstellen der islamischen Welt … durch Manipulation radikaler Kräfte nutzen konnte, um sich die dort liegenden gewaltigen Schaätze zu sichern“. Die Geschichte zeigt laut Kopetzky aber auch: „Wenn Räuber regieren, … gibt es keine Gerechtigkeit und keinen Frieden. Für niemanden.“

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