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Für Sie gelesen Als alles möglich schien

Der Historiker Schönpflug erinnert an das Jahr 1918.

Das Jahr 1918 ist ein Epochenjahr war. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist nicht nur ein bis dahin unvorstellbares Töten und Morden vorbei. 1918 ist das Ende einer alten vertrauten Welt. Historiker stellen gerne 1917 mit dem Kriegseintritt der USA an den Anfang einer neuen Ära – das amerikanische Jahrhundert –, die Zeitgenossen vor hundert Jahren haben aber 1918 als Wendejahr wahrgenommen. Und dieses Erleben stellt der Historiker Daniel Schönpflug in seinem Buch „Kometenjahre. 1918“ konsequent in den Mittelpunkt.

Aus Schnipseln, gefunden in Briefen, Tagebüchern, Zeitungsartikeln lässt er das Bild dieser Zeit entstehen. Es treten auf: Käthe Kollwitz, Walter Gropius, Harry S. Truman, später Präsident der USA, die französische Journalistin Louise Weiss, die 1979 ins Europaparlament einzieht, Virginia Woolf, Nguyen Tat Than, heute besser bekannt als Ho Chi Minh, Präsident des kommunistischen Vietnam, der spätere Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, Lawrence von Arabien und Henry Johnson, Held der Harlem Hellfighters, der ersten Armee-Einheit, in der vor allem Farbige dienten.

Das Bild, das sich zusammenfügt, zeigt – bei aller Wut und Niedergeschlagenheit in Deutschland – vor allem eine Welt voller Hoffnung, Zuversicht, Möglichkeiten. 1918 ist eben nicht nur der Krieg zu Ende. Im Jahr zuvor hat US-Präsident Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert. Iren, Inder, Tschechen, Araber, Vietnamesen hoffen, selbst über ihr Schicksal bestimmen zu können. Die russische Revolution ist noch nicht durch Gulag und Massenexekutionen diskreditiert. Und die Deutschen versuchen es ernsthaft mit der Demokratie. 1918 ist ein Jahr der Chancen, viel mehr, als es 1945 war. Alles schien möglich.

Deswegen heißt das Buch „Kometenjahre“. Schönpflug bezieht sich auf ein Bild von Paul Klee von 1918, das einen Seiltänzer in Uniform zeigt, den zwei Kometen umschwirren. Kometen gelten als Katastrophenverkünder, aber auch als Vorboten von ungeahnten Möglichkeiten, so Schönpflug. Der Historiker verlässt sich auf die subjektive Sicht seiner Protagonisten, greift nur ein, wenn es nötig ist, erklärt zurückhaltend. Im letzten Abschnitt geht es darum, dass die meisten Hoffnungen zunächst enttäuscht wurden. Aber die Ideen von Selbstbestimmung, Emanzipation, Gleichheit sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. 

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