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Ausgelesen Lust an der Erschöpfung

Ilija Trojanow über den Weg zum Sport-Allrounder.

Der 1965 in Bulgarien geborene Ilija Trojanow schreibt Romane und Sachbücher, er gibt Buchreihen heraus und arbeitet als Übersetzer und Kolumnist. 2015 erschien sein fast 500 Seiten umfassender Roman „Macht und Widerstand“. Im selben Jahr kam heraus: „Durch Welt und Wiese: oder Reisen zu Fuß“ und „Zu den Heiligen Quellen des Islam: Als Pilger nach Mekka und Medina“. Das ist schon sehr beeindruckend, aber was passiert, wenn man sich jetzt sein neues Buch anschaut und erfährt, dass Trojanow in den vergangenen Jahren vor allem damit beschäftigt war, 80 olympische Disziplinen so intensiv zu trainieren, dass er in jeder von ihnen auf etwa die Hälfte des Niveaus des Goldmedaillengewinners von 2012 kommen würde? Ich liebte dieses Buch schon bevor ich es auch nur gesehen hatte. Ich mochte den Humor, die Menschlichkeit dieses Gedankens. Ich ahnte natürlich, dass seine Ausführung eine Entdeckungsreise durch den eigenen Körper sein würde und auch eine kleine Kulturgeschichte der Menschheit.

Aber nichts hatte mich vorbereitet auf die Klicks, die sein Buch in meinem eigenen Gehirn auslösen würde. Das ging gleich zu Beginn los. Trojanow 2012 vor dem Fernseher. Er sieht sich die Übertragung der Olympischen Spiele an, lernt Sportarten kennen, die er niemals wahrnehmen würde, gäbe es nicht die Spiele. Und dann der Satz: „Was ich zu sehen bekam, erschien am Bildschirm entweder zu einfach oder zu schwer.“ Ich weiß nicht warum, aber es war dieser Satz, der mich in ein Fitnessstudio trieb. Ich wollte ein paar Muskeln spüren. Jetzt gehe ich dreimal die Woche hin. Trojanows Buch schüchtert nicht ein, es stachelt an. Er führt einem vor, wie wichtig es ist, es nicht nur zu tun, sondern auch zu wissen, was man tut. Sein kritischer Verstand weiß, dass er nur dann diesen Namen verdient, wenn er weiß, was mit ihm beim Training passiert.

Er hat immer Tennis gespielt, also weiß er, dass die Stellung zum Ball wichtiger ist, als ihn zu erreichen. Das Gerede, es käme allein darauf an, was hinten herauskommt, ist die Maxime eines Politikers. Jeder Sportler weiß, dass die Hauptsache nicht das Ergebnis, sondern der Weg dorthin ist.

Zu Trojanows Wegen gehört das Reisen. Gerudert hat er auf der Donau bei Wien, geboxt in New York, Volleyball in Rio, Wasserspringen in Berlin usw.. Trojanow ist ein Buch gelungen, das einen aus den Büchern hinaustreibt in die Welt des Atmens und der Lust an der Erschöpfung – ohne die Bücher zu verraten. Man verlässt dieses Buch als besserer Mensch.

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