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Gaza Hamas Israel Israels verzweifelte Nachbarn

Eine israelische Bodenoffensive in Gaza wird die Gewaltspirale nicht stoppen. Das könnte nur ein Waffenstillstand, der auch das Elend der im Gazastreifen Eingeschlossenen beendet. Ein Leitartikel.

Israelische Soldaten auf einem Feld in der Nähe von Gaza. Foto: REUTERS

Das ist Wahnsinn, aufhören und zwar sofort, möchte man schreien angesichts der militärischen Eskalation zwischen Israel und der Hamas in Gaza. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung lebt inzwischen im Radius potenzieller Raketeneinschläge. Über 800 Tonnen Bombenmaterial gingen derweil über dem Gazastreifen nieder. An die hundert Palästinenser, nahezu die Hälfte von ihnen Frauen, Kinder und Alte, starben bereits bei den massiven Angriffen, die Israels Luftwaffe seit vier Tagen und Nächten fast nonstop auf Ziele in dem übervölkerten Küstenstreifen fliegt.

Im Vergleich dazu fühlen sich die meisten Israelis relativ sicher dank des Abwehrsystems „Eisendom“, das sich als hocheffizient erwiesen hat. Aber die immer wieder aufheulenden Warnsirenen machen mürbe, wecken Todesängste, besonders unter den Schwächsten der Bevölkerung.

Hamas denkt nicht an Kapitulation

Wer wird diesen Wahnsinn stoppen? Bislang gibt es allenfalls halbherzige Versuche, einen Waffenstillstand zu vermitteln. Die USA sind nicht recht entschieden, welche Rolle sie dabei spielen wollen. Washington hat zwar die Fühler ausgestreckt, um Ägypten und Katar zurate zu ziehen. Beide arabische Staaten haben Kontakte zur Hamas und könnten sich mäßigend einschalten. Auch hat Barack Obama an Premier Benjamin Netanjahu appelliert, bei allem Recht zur israelischen Selbstverteidigung gegen Gaza-Raketen nicht zu vergessen, dass auch auf der anderen Seite Zivilisten wohnen. Aber große Eile scheint keiner an den Tag zu legen, einen Ausweg aus der Eskalationsspirale zu finden.

Die Hamas denkt derweil nicht an Kapitulation. Trotz ihrer herben Verluste hofft sie, aus der „Ramadan-Schlacht“, wie die palästinensischen Islamisten die israelische Militäroffensive nennen, gestärkt hervor zu gehen – so wie 2009 und 2012 nach den beiden anderen Gaza-Kriegen. Eine Guerillaorganisation braucht dafür keinen Sieg. Der Hamas reicht die geheime Bewunderung auch unter Nicht-Anhängern dafür, dass sie einer militärischen Supermacht wie Israel die Stirn bietet. Ein fatales Kalkül. Aber es verfängt unter vielen Palästinensern, gerade weil alle Verhandlungen ihres friedenswilligen Präsidenten Mahmud Abbas mit Israel fehlschlugen.

Die Hamas hat ihnen zwar nicht mehr zu bieten als Terror und Raketen. Aber damit glaubt sie einen Waffenstillstand zu Bedingungen erzielen zu können, die sich vorzeigen lassen. Die von ihr geforderten Zugeständnisse sind aber mit der Netanjahu-Regierung nicht zu machen. Eine Wiederfreilassung von Hamas-Mitgliedern, die massenhaft während der jüngsten Militärrazzien im Westjordanland inhaftiert worden waren, kommt für Jerusalem nicht infrage, nicht nach dem Kidnapping und dem Mord an drei jüdischen Teenagern. Aus gleichem Grund scheidet für Netanjahu aus, sich mit der palästinensischen Einheitsregierung abzufinden, die er von Beginn an zu diskreditieren versucht hat.

Netanjahu will Einmarsch eigentlich nicht

So sehr die Israelis gerne wieder Ruhe hätten, aktuell hat für sie Priorität, das Waffenarsenal der Hamas zu zerschlagen. In der Konsequenz läuft das auf die gefürchtete Bodenoffensive hinaus, die auch die eigenen Truppen in unmittelbare Schusslinie der Hamas-Kämpfer bringen würde. In Särgen heimkehrende Soldaten könnten allerdings in Israel schnell einen Meinungsumschwung bewirken.

Netanjahu will einen Einmarsch eigentlich nicht und erst recht keine Wiederbesatzung des palästinensischen Elendstreifens, wie ihn seine Hardliner im Kabinett, allen voran Avigdor Lieberman und Naftali Bennett, propagieren. Der politisch angeschlagene Premier braucht nichts so dringend wie den Konsens, den öffentlichen Rückhalt. Den Rat einiger hoher Generäle zu befolgen, die Operation „Brandungsfels“ in den nächsten Tagen zu beenden und auf den von der Luftwaffe erzielten Abschreckungseffekt zu setzen, dürfte indes seiner rechten Gefolgschaft kaum als Erfolg zu verkaufen sein.

Ohne politische Lösung wäre der nächste Schlagabtausch programmiert. Um die Raketengefahr aus Gaza dauerhaft zu bannen, ist ein Waffenstillstand nötig, der auch den Menschen in Gaza eine Lebensperspektive ermöglicht. Vor allem an diesem Manko sind alle früheren Vereinbarungen über eine Waffenruhe gescheitert.

Nach der israelischen Gaza-Operation „Verteidigungssäule“ im November 2012 wurde viel versprochen, aber wenig gehalten. Die Fangzone, die Israel palästinensischen Fischern erlaubt, blieb begrenzt. Ihre Felder innerhalb der Pufferzone zu bestellen, erwies sich für die Bauern in Gaza weiterhin als lebensgefährlich. Dass zu alldem Rafah, Gazas wichtigstes Tor zur Welt, seit Machtübernahme der Generäle in Kairo vor einem Jahr fast durchgängig geschlossen ist, hat das Gefühl von Aussichtslosigkeit unter den anderthalb Millionen Palästinensern noch verstärkt.

Ein idealer Nährboden für radikale Ideen – und manche sind weit extremer als die der Hamas. Wenn Israel das verkennt, wird es mit noch so viel Militär die verzweifelte, weggeschlossene Nachbarschaft nicht auf Dauer in Schach halten können.

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