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Gastkommentar Sehnsucht nach der Katastrophe

Finanzkrise, Schweinegrippe, Tief Daisy - wie wohlig gruselt uns. Und welches Glück, wenn wieder mal ein Stück Welt gerettet wurde. Von Stephan Grünewald

18.01.2010 00:01
Stephan Grünewald

Fünfundsechzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs scheint sich Deutschland in einem Zustand permanenter Bedrohung zu befinden. Die größte Finanzkrise seit Menschengedenken hält an, die Schweinegrippe breitet sich aus, ein apokalyptisches Schneetief namens Daisy droht uns lahmzulegen, und der Klimawandel oder das Ozonloch bereiten permanente Endzeitstimmung. Allerdings zeigen viele dieser Untergangsszenarien eher harmlose oder (noch) nicht wahrnehmbare Folgen. Psychologisch betrachtet macht es jedoch Sinn, dass latente Bedrohungen mit geheimer Lust zu gewaltigen Schicksalsproben dramatisiert werden.

Die Katastrophen-Hysterie scheint für viele Menschen eine belebende und dynamisierende Wirkung zu haben. Sie leiden eher darunter, dass ihr Leben weitgehend ereignislos und gleichförmig verläuft. Der normale Alltag ist zu einem gigantischen Hamsterrad geworden. Dauerstress und Überforderung lassen die Menschen nicht zur Besinnung kommen. Man spürt sich nicht mehr selbst und weiß nicht mehr, was wirklich wichtig und bedeutsam ist. Im Zustand der coolen Gleichgültigkeit scheint wirklich alles gleichermaßen gültig zu sein. Das Leben verliert Intensität und Stoßrichtung. Wir drohen in einem Meer inflationärer Gültigkeit und Beliebigkeit zu versinken. Der Schrei nach klarer Orientierung wird daher lauter. Die Katastrophe schafft jetzt einen verbindlichen Fixpunkt, an dem man sich reiben und spüren kann.

Katastrophen-Szenarien wie die Schweinegrippe lassen uns auch unsere Handlungsfähigkeit wiedergewinnen. Während man bei der Finanzkrise das Gefühl hat, ohnmächtig einem unfassbaren Geschehen ausgeliefert zu sein, kann man bei der Schweinegrippe einen klaren Feind definieren. Und dieser Schuldige sitzt nicht in uns selbst wie der gemeine Finanzkrisenbazillus der Gier. Es ist ein äußerer fremder Feind, den man bekämpfen kann, ohne seinen Lebensstil in Frage zu stellen. Ein tückischer Gegner zwar, den die Wissenschaft jedoch isolieren und vernichten kann. Und jeder Einzelne kann seinen Schutzbeitrag leisten, indem er sich impfen lässt. Das vermittelt ein Gefühl wiedererlangter Souveränität und Wirkmacht.

Katastrophen stärken aber auch das Gemeinschaftsgefühl. So bescherte die Dramatisierung des Schneetiefs Daisy vielen Menschen fast weihnachtliche Glücksgefühle: Wenn man so richtig eingeschneit ist, kann man für ein paar Tage dem Hamsterrad entfliehen und sich mit gehamsterten Lebensmitteln zu Hause gemütlich einnisten. Angesichts äußerer Bedrohung wandelt sich die Ego-Gesellschaft zur verschworenen Schicksals-Gemeinschaft.

Katastrophen-Szenarien sind seit Jahrzehnten gerade in Deutschland besonders beliebt. Wir haben Angst vor deutschen Visionen; denn sie haben in Untergang und Zerstörung geführt. Die Katastrophe eröffnet hingegen eine befreiende und mobilisierende Negativ-Vision - ein einigendes Dagegensein. Wir kämpfen nicht für eine deutsche Idee, sondern gegen eine globale Bedrohung: gegen das Waldsterben, das Wettrüsten, die Atomkraft, die Klimakatastrophe. Dadurch erlösen wir uns auch von geschichtlicher Schuld. Wir geraten durch beherzten Katastrophen-Einsatz von der Weltvernichter- in die Weltretter-Position.

Stephan Grünewald ist Diplompsychologe und Autor von "Deutschland auf der Couch".

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