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Gastbeitrag zu Plagiat Wissenschaft braucht keine Sittenpolizei

Die Methoden von Plagiatsjägern wie dem VroniPlag-Wiki haben mit Forschung wenig zu tun. Das zeigt der Fall des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier. Die Plagiatsvorwürfe konnten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.

09.11.2013 16:43
Ralf Kleindiek
Die Internetplattform VroniPlag ist in Wissenschaftskreisen nicht unumstritten. Foto: imago

Die Universität Gießen hat am 5. November die Vorwürfe gegen die Dissertation von Frank-Walter Steinmeier zurückgewiesen und das Überprüfungsverfahren eingestellt und abgeschlossen. Vorausgegangen waren Plagiatsvorwürfe durch Professor Uwe Kamenz und auf der Internetplattform „VroniPlag-Wiki“.

Kamenz hat die Arbeit Steinmeiers mit Hilfe einer Software überprüft. VroniPlag-Wiki ist nach der mittlerweile bekannten Methode vorgegangen und hat den Text der Arbeit mit den dort angegebenen Quellen verglichen. Die Universität Gießen hat die Arbeit Steinmeiers nochmals überprüft und festgestellt, dass weder eine Täuschungsabsicht noch ein wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt. Kamenz und mehr noch die Internetplattform VroniPlag-Wiki nehmen für sich in Anspruch, als Teil der Zivilgesellschaft für das Gemeinwohl tätig zu sein. Dies mag eine – unter Umständen ehrenhafte – Motivation sein; es ist aber bei weitem nicht die einzige. Tatsächlich mutet vieles grotesk an. Die Software von Kamenz vergleicht – offenbar automatisiert – Texte miteinander und stellt dann „Plagiatswahrscheinlichkeiten“ fest. Im VroniPlag-Wiki wird diskutiert, ob bestimmte „Fragmente“ zu einer bestimmten Wertung – als Plagiat oder nicht – führen sollen.

Freie Wissenschaft schützen

Das geschieht alles nach einem ganz eigenen Plagiatsverständnis. Mit großer Hingabe wird darüber gechattet, ob hier oder dort die Fußnote am Anfang oder am Ende hätte gesetzt werden müssen. Das hat mit Wissenschaft, mit Streben nach eigener Erkenntnis, wenig zu tun. Dieses oder jenes wird als „zu beanstanden“ oder „grenzwertig“ angesehen. „Hotznplotz“ und „Singulus“ machen Vorschläge, wie diese oder jene Passage der Arbeit Steinmeiers einzuordnen ist. Die Universitäten müssen solchem Treiben die Grundlage entziehen. Freie Wissenschaft entsteht nicht von selbst. Sie bedarf organisatorischer Vorkehrungen, die sie schützen. Es ist Aufgabe der Universitäten, wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten zu beurteilen. Es ist nicht die Aufgabe einer Internetplattform, Dissertationen nach zu promovieren. Dafür müssen die Universitäten und ihre Fakultäten einstehen. Deshalb ist es fatal, wenn selbst Universitäten ihren Doktoranden empfehlen, ihre Arbeit bei VroniPlag-Wiki vorsorglich überprüfen zu lassen, und damit die Plagiatsdefinitionen von VroniPlag-Wiki zu übernehmen.

Es sind vor allem die Universitäten, die in Deutschland die Verpflichtung haben, freie Wissenschaft zu ermöglichen. Diesem Anspruch werden sie nur gerecht, wenn sie gewährleisten, dass die Doktoranden bei ihnen angstfrei arbeiten können. Eine Sittenpolizei der deutschen Wissenschaft im Internet ist das Gegenteil von dem, was die Wissenschaftsfreiheit in Artikel 5 Abs. 3 des Grundgesetzes will. Und es ist ja auch nicht so, dass die Wissenschaft nicht in der Lage wäre, das Problem Plagiat selbst in den Griff zu bekommen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden von den großen Wissenschaftsorganisationen, von den Universitäten und Forschungseinrichtungen Leitlinien für gute wissenschaftliche Praxis entwickelt und entsprechende Kommissionen etabliert, die das überprüfen. Hierauf lässt sich gut aufbauen. Das betrifft dann die Fälle, in denen tatsächlich ein Plagiat vorliegt, denn die gibt es natürlich auch. Der Fall zu Guttenberg wurde nicht von VroniPlag-Wiki entdeckt, sondern von einem Wissenschaftler, der eine Rezension über die Arbeit verfasst hat.

Gängiges Geschäftsmodell

Wenn man bei VroniPlag-Wiki den „Diskussionsmonitor“ zur Dissertation von Frank-Walter Steinmeier aufruft, dann fällt die Werbung für ein Probe-Abonnement für die „Junge Freiheit“ auf. Bei einer medizinischen Dissertation wird für juristische Hilfe geworben, um den verpassten Medizinstudienplatz einzuklagen, und es gibt Hilfe bei der Erstellung medizinischer Promotionen – „diskret zum Ziel“. Dies ist ein im Internet gängiges Geschäftsmodell, aber es ist eben ein Geschäftsmodell. Mit VroniPlag-Wiki wird auch Geld verdient. Das sollte man wissen, wenn dabei so getan wird, als würden für die Gesellschaft die hehren Ziele von Wissenschaft und Wahrheit verfolgt.

VroniPlag-Wiki, Abgeordnetenwatch, Frag den Staat, Mehr Demokratie: Derzeit erleben wir – mit Hilfe des Internets – neue Formen der Kontrolle staatlichen und privaten Handelns. Oft ohne klare Regeln, bei Bedarf anonym und legitimiert lediglich mit dem Hinweis auf die Zivilgesellschaft. Diese Kontrolle will sich über bestehende Regeln hinwegsetzen, seien es solche der Selbstverwaltung oder des Staates. Sie fordert mehr Transparenz, bleibt aber selbst weitgehend intransparent. Welche gemeinsamen Strukturen bestehen und wie das alles zusammenhängt, wird nicht sichtbar.

Auf die folgende kleine Begebenheit mag sich jeder seinen eigenen Reim machen: Nachdem ich mich in der Festschrift zum siebzigsten Geburtstag für meinen Doktorvater Brun-Otto Bryde kritisch mit Aspekten des Hamburgischen Transparenzgesetzes auseinandergesetzt habe, hat einer der Protagonisten des Vereins „Mehr Demokratie e. V.“ sein Unverständnis über diese Position geäußert und schließlich angefügt: „Na, da müssen wir uns mit Ihrer Doktorarbeit aber auch noch mal beschäftigen.“

Dr. Ralf Kleindiek (SPD) ist Staatsrat in der Behörde für Justiz und Gleichstellung der Freien und Hansestadt Hamburg. Er ist dort unter anderem verantwortlich für die Umsetzung des Transparenzgesetzes. Von 1991 bis 1996 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Gießen, wo auch Frank-Walter Steinmeier studierte. 1998 wurde Keindieks Dissertation „Wissenschaft und Freiheit in der Risikogesellschaft“ veröffentlicht.

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