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Gastbeitrag Zahlen machen Politik

Seit dem Ende der 90er-Jahre gibt es kein Wachstum der Realeinkommen bei den Haushalten in der Mitte, während die Spitzen kräftig zulegen konnten.

03.09.2012 16:58
Steffen Mau
Viele Menschen aus der Mittelschicht rutschen ab. Foto: dpa

Viel zu selten werden gute Nachrichten verbreitet. Nur manchmal scheint es sie doch zu geben. Anfang der vergangenen Woche etwa veranstaltete das in Köln ansässige arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine Pressekonferenz zum Thema: Wer ist die gesellschaftliche Mitte? Mythen und Fakten. Der Direktor des IW, Michael Hüther, stellte eine neue Studie vor und konnte freudig verkünden: Die Einkommensmittelschicht in Deutschland erodiert nicht.

Dieser Befund widerspricht der oft gehörten und vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin vertretenen Auffassung vom Schrumpfen der Mittelschicht. Wie kommt das? Beide Institute arbeiten mit den gleichen Daten. Was stimmt nun? Schaut man sich die Studie des Kölner Instituts auf, so fällt auf, dass der Stabilitätsbefund auf einem simplen Vergleich beruht. Zu Beginn der 1990er-Jahre war die Einkommensklasse in der Mitte kaum kleiner als heute, sagen die Autoren. In Zahlen: 1991 gehörten 49,9 Prozent aller Haushalte zur Einkommensmitte, 2009 waren es 48,7 Prozent. Keine Erosion in Sicht.

Nur muss man sich fragen, ob dieser Vergleich nicht hinkt. 1991 war das Jahr nach der Wiedervereinigung: Der ärmere Osten trat dem reicheren Westen bei. Erst danach kam es in Ostdeutschland zu einem Einkommensschub und ein Teil der ostdeutschen Transformationsgesellschaft konnte zur Mittelschicht aufschließen. In den Jahren 1995 und 2000 durften sich dann auch nach IW-Angaben gesamtdeutsch fast 54 Prozent der Haushalte als Einkommensmitte fühlen. Seitdem ist Schwund angesagt, um knapp 5 Prozent – was letztlich jeden zehnten Haushalt in der Mitte betrifft. Keine dramatische Veränderung, aber immerhin. Wenn die Studie auf eine stabile Mittelschicht verweist, dann bezieht sie sich auf die Referenzgesellschaft der frühen 1990er Jahre, die ohne Frage atypisch war. Unterm Strich wird hier eine historische Anomalie zum statistischen Artefakt – und zur medialen Meldung.

Wenn die Autoren der Studie die Entwicklung der jüngeren Zeit realistisch betrachten wollten, müssten sie auf bis zum Anfang der 1980er-Jahre zurückreichende Daten zugreifen. Dann hätten sie gesehen, dass die „statistische Mittelschicht“ in Westdeutschland in den 1980er Jahren sehr groß war. Gesamtdeutsch gab es mit dem schon erwähnten Beitritt der Ostdeutschlands eine Vereinigungsdelle, was die Größe der Einkommensmitte angeht, nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein statistischer Effekt, der mit der Zeit an Bedeutung verlor. Das Schrumpfen des Mittelschichtbauchs seit Ende der 1990er ist vor allem durch das Wachstum der Einkommensungleichheit und die Ausdehnung des Niedrigeinkommenssektors verursacht. Dieser Trend hält an, wie neuere Daten zeigen.

Optimismus verbreitet die IW-Studie auch bei einem anderen „Aufreger-Thema“, der Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg: Nach den IW-Daten gleiten jährlich „nur“ etwa 400?000 der etwa 20 Millionen Haushalte der Einkommensmittelschicht in die Einkommensarmut ab. Die Studie bläst ins Entwarnungshorn. Ob das viel oder wenig ist, und wie viele Menschen das insgesamt betrifft, wird erst gar nicht diskutiert.
Zudem sind auch die Abstiege innerhalb der Mittelschicht relevant, wenn es um das Gefühl der Statusunsicherheit geht. Zumal die Studie selbst darauf verweist, dass jeder zehnte typische Mittelschichthaushalt innerhalb eines Jahres in die einkommensschwache Mitte abrutscht. Auch dass die Abwärtsmobilität aus der Mittelschicht höher ist als die Aufwärtsmobilität, hätte man erwähnen müssen.

Was bleibt: Zahlen machen Politik. Wenn man die Dinge ein wenig anders betrachtet, kommt oft das Gegenteil dabei heraus. Richtig ist: Die Mitte verschwindet zwar nicht – doch sie verändert sich, sie ist heute nicht mehr so voluminös und vital wie in der Vergangenheit. Mit dem Ende des kollektiven Aufstiegs ist nicht gleich materieller Mangel angesagt, aber die Statussicherheit nimmt ab und Wohlstandverluste können nicht mehr ausgeschlossen werden.
Die Einkommensmitte bleibt, das räumt auch die Studie ein, zunehmend hinter den Einkommensreichen zurück. Seit dem Ende der 90er-Jahre gibt es kein Wachstum der Realeinkommen bei den Haushalten in der Mitte, während die Spitzen kräftig zulegen konnten. Für die Mittelschicht eine gänzlich neue Erfahrung, welche das lange Zeit überzeugende Integrationsnarrativ der sozialen Marktwirtschaft beschädigt. Wenn die Mittelschicht zurückfällt, ist die Teilhabe der „Mehrheitsklasse“ (Ralf Dahrendorf) am gesellschaftlichen Wohlstand in Gefahr. Diese Entwicklungen abzubilden und zu reflektieren, wäre weit sinnvoller, als die Präsentation zu wenig reflektierter Thesen.

Steffen Mau ist Professor für Politische Soziologie an der Universität Bremen und Autor des gerade erschienenen Buches „Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?“ (edition suhrkamp).

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