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Gastbeitrag Weniger ist nicht mehr

Die ökologische Kritik am Wachstum hat Konjunktur. Doch sie verkennt die Widersprüche der Wohlstandsgesellschaft.

04.08.2013 18:12
Andreas Möller
Renate Künast macht`s vor: Fleischlos kochen - und dann noch bio. Foto: dpa

Dass der Unmut an der bestehenden Wirtschaftsordnung in eine Ablehnung des Wachstums münden kann, ist nicht neu: Vor gut vierzig Jahren stellte der Club of Rome bekanntlich erstmals eine Verbindung aus Globalisierung und steigendem Ressourcenverbrauch her. Nur ein Jahr später, 1973, erfasste die erste große Ölkrise in Folge des Jom-Kippur-Krieges auch Deutschland und hinterließ Bilder leerer Autobahnen.

Selten zuvor erfuhr der „Abschied vom Überfluss“ allerdings eine so breite politische und publizistische Unterstützung wie heute. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ betonte in ihrem Bericht auch Formen der Selbstbegrenzung und des Konsumverzichts, „Suffizienz“ genannt. Und die aktuellen Wahlprogramme, vor allem das der Grünen, tragen jenen Widerstand gegen entkoppelte Finanzmärkte in sich, den der Manufactum-Gründer und ehemalige Landesgeschäftsführer der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Thomas Hoof, auf den Punkt brachte: Es gehe heute um Alternativen zur „rein monetären Wertschöpfung“, um Werte „weit außerhalb der hochtourig leerlaufenden Global-Ökonomie, die allenfalls noch Scheinblüten (und zunehmend: Panikbetriebe) ausbildet, aber keine Früchte mehr.“

Das sitzt. Paradoxerweise gibt es kaum einen anderen Wirtschaftszweig, der so hemmungslos vom Wachstum (welche schöne Metapher der Natur) und dem Wunsch nach sozialer Distinktion profitiert hat wie die grüne Lifestyleindustrie. Gerade sie funktioniert nach einem harten ökonomischen Kalkül des Mehr. Das Entstehen supermarktgleicher Biomärkte in den Städten zeigt es an: Die Nachfrage an Bio-Nahrungsmitteln in Deutschland ist mittlerweile so groß, dass ein von zwei Produkten aus dem Ausland herantransportiert werden muss. Von „regional und saisonal“ ist bei näherem Hinsehen keine Spur. Von Verzicht schon gar nicht.

Zudem sieht sich die Wachstumskritik einer starken realwirtschaftlichen Gegenthese ausgesetzt. Während die „Ethik des Genug“ immer mehr Unterstützer findet, erlebt die Industrie in Deutschland inmitten einer darniederliegenden europäischen Konjunktur eine Wiederbeachtung. Kaum eine politische Rede kommt im Vorwahlkampf ohne die Betonung der industriellen Wertschöpfungsketten als Basis für Wohlstand aus. Kaum jemand, der nicht dazu aufruft, Abschied von den einstigen Träumen der Dienstleistungsgesellschaft zu nehmen. Sogar Brüssel will dem deutschen Beispiel folgen und hat ein neues 2020-Ziel ausgerufen: für die Renaissance der Industrie, penibel gemessen am Anteil des Bruttoinlandsprodukts.

Symbolische Handlungen

Ein Ausweg aus diesem Widerspruch wird immer öfter im „richtigen“, sprich qualitativen Wachstum gesucht. Das Problem hierbei ist nicht nur, dass Autos und technische Geräte zwar immer effizienter werden, aber dafür auch mehr. Gesellschaftlich schwerwiegender ist, wer am Ende darüber bestimmt, wo die wahren Bedürfnisse enden – und wo die falschen beginnen. Kein Postwachstums-Anhänger vermag jene Grenze gerecht zu ziehen, die für alle gilt, was sich schon an den harten Unterschieden in Europa belegen lässt. Es ist Illusion und Anmaßung zu glauben, dass ein Weniger normativ berechtigt sei.

Zudem bleibt es trotz der Forderung nach der Entkopplung von Wachstum und Verbrauch oft bei symbolischen Handlungen. Wirklich verzichten wollen die wenigsten, weder auf teure Bioprodukte und anschwellende Güter- und Individualverkehre, noch auf Handys, Touchpads oder die Hochleistungsmedizin. Sinnigerweise ist qualitatives Wachstum immer auch quantitativ, wenn es allen zugute kommen soll. Nur die, die bereits „genug“ haben, werden sich wie im Falle der Elektromobilität als „First mover“ erweisen und Fahrzeugen den Weg zum Massenmarkt bahnen. So war es schon immer. Kein Computertomopgraph ist aus der Haltung des „Genug“ heraus entwickelt worden.

Dass die Schonung natürlicher Ressourcen indes ein Gebot der Stunde ist, liegt auf der Hand. Man muss nicht sentimental-ökologisch denken, um dieses Systemproblem zu erkennen. Gerade deshalb wäre es fatal, den Schluss zu ziehen, dass mit einem Weniger alles gut wird. Das Gegenteil ist der Fall: Die Energiewende und andere Transformationsprozesse, die bestehende Technologien durch neue ersetzen, bedeuten zunächst einen erheblichen Mehrbedarf an Ressourcen.

Was also bleibt? Es geht uns schwer über die Lippen, und doch ist die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsweise bislang die einzig erprobte Rückversicherung dafür, neue, effizienzorientierte Pfade zu finden. Hinter der Wachstumsdebatte könnte also auch ein Grundgefühl in der Gesellschaft stecken, das etwas von Halbherzigkeit und dem Sichern des Erreichten hat, weil das Wohlstandsniveau hoch ist. Und von Abwehr und Angst.

Die Kritik am Wachstum sollte uns darum zu Fragen ganz anderer Art führen: zum Verarbeiten des globalen Wandels, zur Beschleunigung und Volatilität des Lebens. Und zur Verunsicherung all jener, die von der Bildung über die Gesundheit bis zur Nachhaltigkeit zunehmend alles privatisieren. Was uns fehlt, sind Fortschrittsutopien. Sie könnten auch dem Wachstum eine neue gesellschaftliche Relevanz geben.

Andreas Möller ist Autor des Buches „Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ (Hanser). Er promovierte über den gesellschaftlichen Widerstand gegen Wissenschaft und Technik in Deutschland. Seit 2012 leitet er das Hauptstadtbüro des Kupferproduzenten Aurubis.

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