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Gastbeitrag Von der Verachtung zur Hochachtung

Im Juni 1969 gingen Homosexuelle gegen Polizeiwillkür auf die Straße. Der Christopher Street Day ist seither ein Symbol gegen sexuelle Unterdrückung.

22.06.2012 15:55
Philip D. Murphy
Philip D. Murphy, Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland. Foto: dapd

Menschenrechte gelten für alle – Ausnahmen darf es nicht geben. Jeder Mensch hat von Geburt an ein Recht auf Freiheit und Würde. Deshalb begrüße ich die Feiern zum diesjährigen Christopher Street Day (CSD) in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt. LGBT Pride würdigt den unaufhaltsamen Fortschritt und die Tatsache, dass für immer mehr Menschen auf der ganzen Welt das gilt, was wir unter Menschenrechten verstehen. Ebenso wie die Anhänger der Bürgerrechtsbewegung in den 50er- und 60er-Jahren und der Frauenbewegung in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts haben Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle sowie ihre Mitstreiter gegen Unterdrückung, Hass, Diskriminierung und Intoleranz gekämpft und tun dies noch immer.

Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich oft nur langsam, und die entscheidenden Momente sind häufig nicht leicht zu erkennen. Aber am 28. Juni 1969 wurden im Stonewall Inn in New York lautstark Freiheit und Würde für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Menschen (LGBT) eingefordert. Als die Polizei nach Mitternacht eine Razzia in diesem beliebten LGBT-Treffpunkt durchführte – Homosexualität und Cross-Dressing waren damals illegal – versammelte sich eine große Menschenmenge. Eine Frau, die während der Festnahme grob behandelt worden war, wandte sich an die Menge, als sie in Handschellen abgeführt wurde, und rief: „Warum unternehmt ihr nichts?“ Aber dann unternahmen sie etwas. Aus heutiger Sicht mag man die Gewalt kritisieren, die sich in den folgenden drei Tagen auf den Straßen entlud, aber die Situation für Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle war unerträglich geworden. Aus diesen Tagen des Zorns heraus entstand eine moderne, organisierte Menschenrechtsbewegung für Schwule, Lesben und andere, deren Sexualität Anlass für Unterdrückung war, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa und sogar weltweit. Die Emotionen auf der Christopher Street schweißten diese Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen – und gemeinsam ist man stark.

Obama: „Segnungen der Freiheit für alle“

Diese Gemeinschaft hat es in den seither vergangenen vierzig Jahren von Verachtung zu Hochachtung gebracht. Indem er den Juni 2012 zum LGBT Pride Month erklärte, würdigte Präsident Obama die LGBT-Community für die Stärke und Geschlossenheit ihres Einsatzes für Menschenrechte und Gleichberechtigung für alle. „Homosexuelle, bisexuelle und transsexuelle Amerikanerinnen und Amerikaner und ihre Mitstreiter haben erreicht, was einst unerreichbar schien. In diesem Monat … verpflichten [wir] uns erneut dazu, die Segnungen der Freiheit für alle Amerikaner zu gewährleisten.“
Zwar haben Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle in den Vereinigten Staaten und überall in Europa sehr viel erreicht, aber die Fortschritte sind noch uneinheitlich. Außenministerin Clinton äußerte sich im Dezember letzten Jahres anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags in Genf dazu, „was wir alle noch tun müssen, um eine Gruppe von Menschen zu schützen, der man in zu vielen Teilen der Welt noch immer die Menschenrechte verweigert. (...) Ich spreche hier von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen, Menschen, die frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind, die das Recht haben, dies einzufordern – in Bezug auf Menschenrechte ist das eine der verbleibenden Herausforderungen unserer Zeit.“

Seit über sechzig Jahren verteidigen die Vereinigten Staaten und Deutschland gemeinsam Freiheit und Menschenrechte im In- und Ausland. Als die LGBT-Community an Stärke zu gewinnen und Vorurteile abzubauen begann, wurden ihre Anliegen von unseren jeweiligen Regierungen aufgegriffen – sicherlich mit frustrierenden Verzögerungen und vielen Fehltritten, aber letztlich auch mit bewundernswerter Entschlossenheit und Überzeugungskraft. Die vor uns liegende Aufgabe bleibt überwältigend, vor allem die Notwendigkeit, gegen die unentschuldbare Schikane, den Hass und die Gewalt vorzugehen, die auf der ganzen Welt mit Homophobie einhergehen. Wir müssen wieder handeln und zwar bevor sich jemand blutend und in Handschellen an uns wendet und fragt: „Warum unternehmt ihr nichts?“.

Wenn also alle freiheitsliebenden Menschen auf der Welt diesen Sommer zusammen LGBT Pride feiern, sollten wir das Fest zwar genießen, aber auch jeden Tag, auf jede erdenkliche Art und Weise alles tun, um Menschenrechte für alle einzufordern.

Die LGBT-Community und ihre Mitstreiter hier in Deutschland verdienen Lob und Anerkennung, und ich möchte an dieser Stelle das große Engagement des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD) für die Menschenrechte im Herzen Europas hervorheben. Herzlichen Glückwunsch zum diesjährigen CSD und herzlichen Glückwunsch und alles Gute der LGBT-Community überall.

Philip D. Murphy ist Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland.

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